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„Das weiße Band“ spielt in einem norddeutschen Dorf am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Michael Hanekes neuer Film läuft auf dem Filmfest diesen Samstag um 16.30 Uhr. Deutscher Kinostart ist am 15. Oktober.

Porträt Michael Haneke

Der Gegner des Popcorn-Kinos

In Cannes hat er für „Das weiße Band“ die Goldene Palme erhalten, beim Münchner Filmfest wird Michael Haneke heute Abend mit dem Cinemerit-Award für seine Verdienste um die Filmkunst ausgezeichnet. Wer ist dieser österreichische Regisseur – und was macht sein Werk aus?

Michael Haneke ist ein Außenseiter, ein Spätentwickler, ein Chamäleon. In Deutschland hörte man Cineasten nach dem Erfolg seines Films „Die Klavierspielerin“ (2001) von „Michel Aneke“ sprechen – hatte er doch mit der Jelinek-Adaption einen französischen Film gemacht. Andere hielten ihn dagegen für einen Deutschen – schießlich kam er 1942 in München zur Welt. Umso überraschender dann der breite Wiener Dialekt, in dem der graubärtige Moralist über seine Filme spricht. Mehr als eine kuriose Fußnote ist auch, dass 1997 der damals 55-Jährige nach dem großen Erfolg seiner schockierenden Gewaltstudie „Funny Games“ als „Nachwuchsregisseur“ gehandelt wurde. Seine Generationskollegen Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Werner Herzog prägten den Neuen Deutschen Film, während Haneke zwischen 1967 und 1970 als Fernsehredakteur in Baden-Baden Drehbücher auf ihre TV-Tauglichkeit abklopfte.

In Niederösterreich ist der Sohn des deutschen Theaterregisseurs Fritz Haneke und der Wiener Burgschauspielerin Beatrix von Degenschild vaterlos aufgewachsen. Nach dem Scheitern der Wunschkarriere als Pianist und einem erfolglosen Vorsprechen am Wiener Max-Reinhardt-Seminar studierte Haneke Theaterwissenschaft und Philosophie in Wien und ging von dort zum Südwestfunk. 1973 realisierte er sein erstes Fernsehspiel, dem Theaterinszenierungen (auch am Münchner Residenztheater) sowie literarische Fernsehfilme folgten. Haneke reihte sich damit unter die große Zahl niveauvoller Regisseure wie Axel Corti , Michael Kehlmann oder Franz Peter Wirth , die in den Siebzigern und Achtzigern zu einer nicht wiederkehrenden Blütezeit des Fernsehfilms beigetragen haben. Und er sollte der einzige aus dieser Riege sein, der den Sprung zum Kino schaffte.

Ursprünglich war „Der siebente Kontinent“ 1989 als Fernsehfilm geplant. Doch als der Sender absprang, realisierte Haneke den Film fürs Kino. Nach dem deutschsprachigen Komödien- und Action-Mief der Achtziger wirkte das Werk des weithin Unbekannten wie ein Paukenschlag: Der distanzierte, nüchterne Blick, mit dem Haneke jede konventionelle Ursachenanalyse des Kollektivselbstmords einer Familie verweigert, und die Inszenierung in ungewohnt langen Einstellungen (Plansequenzen) sind seitdem sein Markenzeichen. Auch auf Filmmusik verzichtet der Anhänger des puristischen französischen Regisseurs Robert Bresson komplett: Alle Geräusche dürfen nur aus der Realität des Films kommen. Es ist nicht verwunderlich, dass der getaufte Protestant als Jugendlicher Pfarrer werden wollte. International sorgte der Film für Aufsehen und wurde auf dem Filmfestival in Locarno ausgezeichnet: Der TV-Regisseur war Autorenfilmer geworden.

Haneke, der seine Drehbücher selbst schreibt und nie ohne Diktiergerät ins Bett geht, fasste „Benny’s Video“, in dem ein Bub seine Spielgefährtin mit einem Bolzenschussapparat tötet, sowie „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ (1994) über den Amoklauf eines Studenten einen Tag vor Weihnachten als die „Vergletscherung der Gefühle“ zusammen. Beide erweisen sich heute als erschreckende Prognosen auf gesellschaftliche Entwicklungen. Es sind modellhafte Planspiele, die den Zuschauer auf sich selbst zurückwerfen. Die freilich sind oft geschockt ob der Brutalität und zwischenmenschlichen Kälte in Haneke-Filmen. Das Schlimmste für den überzeugten Gegner des Mainstream-Kinos wäre es denn auch, wenn die Kino-Besucher seine Arbeiten „nett“ fänden.

„Die Klavierspielerin“ brachte ihm 2001 endgültig den Durchbruch. Der mit Isabelle Huppert in Wien gedrehte Film gewann den Großen Preis der Jury in Cannes. Im vergangenen Jahr startete Haneke mit „Funny Games U.S.“ ein in der Filmgeschichte einzigartiges Projekt: Die bislang radikalste Auslegung des Begriffs „Remake“. Einstellung für Einstellung drehte er seinen Film „Funny Games“ mit US-Schauspielern wie Naomi Watts nach. Der Vorläufer sei schon visuell perfekt gewesen, man habe nichts ändern müssen, sagte Haneke. Damals hatte er andere Filmemacher seiner Generation bereits überholt, heuer hat er sie mit der Verleihung der Goldenen Palme beim Filmfestival in Cannes für „Das weiße Band“ endgültig hinter sich gelassen. Thomas Assheuer: „Nahaufnahme Michael Haneke“. Alexander Verlag , Berlin, 180 Seiten; 9,90 Euro.

von Arno Fischer

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