Da gehen einem die Augen über

- "Mein Name ist Kenji. Das könnte ich sein, in drei Stunden", heißt es aus dem Off. Und man sieht die Beine eines erhängten Mannes von der Decke baumeln. Der Mann, der hier noch seinen Selbstmord fantasiert, versucht es bald darauf wirklich. Kenji wird gestört, und auch andere Versuche schlagen kläglich fehl. Ein Japaner in der Fremde, in Bangkok. Er arbeitet in einer Bibliothek, liest Yukio Mishimas "Black Lizard" und hat - besonders dumm für einen Japaner - eine Fischallergie. Er hat eine penibel geordnete Wohnung, man erkennt ein rotes Hemd, das in einem Pool schwimmt, Blut an der Wand, immer wieder Regen.

<P>Traum und Wirklichkeit sind nicht haarscharf zu trennen. So wird der Zuschauer selbst hineingesogen in die surreale Bewusstseinslandschaft, in der sich Kenji befindet. Konsumskepsis trifft sich mit zarter Virtuosität der Bilder und Erzählweise. Irgendwann nähert sich der todessüchtige Kenji der Schwester eines Mädchens, an deren Unfalltod er Mitschuld trägt. "Last Life in the Universe" des Thailänders Pen-ek Ratanaruang ist ein existenzielles Drama, das Melancholie und subtilen Witz mischt. In seiner atemberaubenden Schönheit erinnert der Film nicht zufällig an Wong Kar-wai - die Bilder stammen von dessen Kameramann Christopher Doyle. Ein kleines Kinowunder, dem man unbedingt einen deutschen Verleih wünschen würde! <BR><BR>Die Reihe "Junges Asiatisches Kino" auf dem Filmfest München zeigt zehn Filme aus sieben Ländern, durchweg von Regisseuren zwischen 20 und 40. Zu den bekannteren gehört der Taiwanese Tsai Ming-liang, dessen Kinomeditation "Good Bye, Dragon Inn" die Bildung dieser Regisseure belegt: Sie kennen amerikanisches und europäisches Kino so gut wie ihre eigenen Filme. Für Festivalgänger ist die Nachricht vom Glanz des asiatischen Kinos zwar nicht mehr ganz so neu, aber noch immer sind die meisten dieser Filme nur auf Festivals wie diesem zu sehen - obwohl die Werke alles andere als schwierig sind. Sie sind vielmehr eingängig und leidenschaftlich, von lässiger Leichtigkeit und berauschend origineller Machart. Zum Beispiel "Old Boy" aus Korea und "Nobody Knows" aus Japan, die zwei Filme, die bisher am meisten für Furore sorgten. Beide liefen im Wettbewerb von Cannes, bekamen wichtige Preise, beide bieten prächtige Beispiele fürs asiatische Kino. Und könnten doch gegensätzlicher nicht sein.<BR><BR>Lässige Leichtigkeit und originelle Machart</P><P>"Old Boy" von dem Koreaner Par Chan-wook (er hat übrigens deutsche Philosophie studiert) ist eine geniale, verstörende Rachegeschichte. Zu Vivaldi-Musik verfolgt man eine koreanische Mischung aus "Graf von Monte-Cristo" und "Kill Bill" - nur dass der Film gut und böse schnell ins Gleichgewicht bringt. Die Zahnzieh-Szenen sind das Schlimmste, was es seit dem in der Hinsicht unübertroffenen "Marathon Man" im Kino gab. "Nobody Knows" von Kore-Eda Hirokazu erzählt eine bewegende Familiengeschichte: Vier Kinder, wachsen allein mit ihrer Mutter auf, ohne je zur Schule zu gehen, abgeschlossen von der Außenwelt. Man spürt, dass da ein dunkles Geheimnis ist, von dem sie selbst nichts wissen, das aber ihre Existenz dominiert. Eines Tages ist die Mutter verschwunden, und man erlebt, wie vier Kinder mitten in der modernen Welt verwildern, auch zurückgeworfen werden in den Naturzustand. Es beginnt eine magische Odyssee der Weltentdeckung, bezaubernd poetisch erzählt.<BR><BR>Genau dies kann man auch über die gesamte Reihe sagen. Jeder Film lässt einem auf unterschiedliche Weise die Augen übergehen, ob der wild überladene "Peep TV Show" oder der ruhige "When Ruoma was Seventeen". So geht es einem immer wieder wie in "Last Life in the Universe". Da klettert einmal eine Eidechse die Wand hoch. Fremd, sonderbar sieht es aus, man weiß nicht genau, was man denken soll. Aber man weiß, das es schön ist. <BR></P>

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