Das Gemüse ist schuld

- Es sind die Kleinigkeiten, die das Schicksal bestimmen. In "Das geheime Fenster" etwa erweist sich die Wahl zwischen Mais oder Bohnen für die Hauptfigur, den Schriftsteller Mort Rainey (Johnny Depp), als Entscheidung zwischen Leben und Tod. Denn der mysteriöse Südstaatler Shooter (John Turturro mit routiniertem Irrsinn in den Augen) bezichtigt Rainey des geistigen Diebstahls.

<P>Der Bestsellerautor soll eine Kurzgeschichte Shooters abgeschrieben haben und - viel schlimmer - das Ende verhunzt haben, indem er sich für die falsche Hülsenfrucht entschied. Kurioserweise scheint der Austausch des Gemüses Shooter weit mehr zu erbosen als die Tatsache des Plagiats.</P><P>Das ist die Ausgangslage des irritierenden Grusel-Dramas, das sich an eine Erzählung von Stephen King anlehnt. King, der sich mehr als einmal mit den Parallelwelten beschäftigte, in die die Literatur ihre Erzeuger zu verdammen vermag, legt in dieser hinterhältigen kleinen Studie des schleichenden Wahnsinns viele falsche Fährten, und Regisseur David Koepp greift das dankbar auf. Ist der Schriftsteller Opfer eines Komplotts des neuen Liebhabers seiner Frau, handelt es sich bei Shooter einfach nur um einen der vielen Irren, die in das Leben Prominenter einbrechen wollen, oder wird der Star-Autor vom emotionalen Druck nach der Trennung von seiner Frau in den Irrsinn getrieben? <BR><BR>Der Film hält lange alle Optionen offen und spielt, unterstützt von Philip Glass' suggestiver Musik, geschickt mit den Tücken der Wahrnehmung. Koepp beweist immenses Gespür für subtilen Terror, der sozusagen aus dem toten Winkel auftaucht und neben Schrecken auch Ratlosigkeit hinterlässt: Können wir unseren Sinnen trauen oder ist das Gehirn letztlich der größte Feind des Menschen? All das würde "Das geheime Fenster" zu einem gekonnt inszenierten Psychothriller machen, aber zu einem außergewöhnlichen Film wird er durch den Hauptdarsteller Johnny Depp. Denn ganz offenkundig hat der Mann beschlossen, nur noch so zu spielen, wie es ihm gefällt. <BR><BR>Erstaunlicherweise erweist sich dieser "Sabotage-Akt" als Glücksfall. Die Ironie und Unberechenbarkeit, die Depp an den Tag legt, machen seine Figur rätselhafter als in der literarischen Vorlage und erhöhen die Spannung bis zur Schmerzgrenze. Depp konterkariert die Hinweise, die das Drehbuch legt, an den richtigen Stellen mit an sich unangebrachter Lässigkeit. Aber vielleicht bildet man sich das als Zuschauer nur ein . . . Wer kann das schon sagen? </P><P>"Das geheime Fenster"<BR>mit Johnny Depp, John Turturro, Timothy Hutton<BR>Regie: David Koepp<BR>Sehenswert </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
München - John Hamburgs „Why him?“ variiert fantasielos das Duell Schwiegervater-Schwiegersohn.
Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
München - „Hell or High Water“ ist ein höllisch unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel im modernen Wilden Westen.
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
München - Roger Spottiswoode verfilmte den Bestseller „Bob, der Streuner“ angenehm kitschfrei.
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung
München - „La La Land“ ist eine gesungene und getanzte Liebeserklärung an das Leben, die Leidenschaft und Los Angeles.
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung

Kommentare