Geschiedene bevorzugt

- In Italien war lange Zeit die Welt noch in Ordnung, die Ehe katholisch und die Scheidungsrate niedrig. Doch unlängst überraschte das junge italienische Kino zunehmend mit Filmen, die genau diese Grundfeste des Familienlebens angreifen. Auch die mehrfach ausgezeichnete, rotzfreche Komödie "Casomai" ("Im Fall aber, dass . . .") schlägt in diese Kerbe. Mit Witz und Leichtigkeit konfrontiert sie die Realität der Ehe mit den idyllischen Familienglück-Vorgaben der Werbung.

<P>Ausgerechnet der katholische Priester, der ein junges Paar trauen soll, stellt während der Hochzeitszeremonie die Möglichkeit einer lebenslangen Partnerschaft in Frage. Skandal in der Kirche! Doch dann entwirft der rebellische Dorfpfarrer Don Livio eine erschreckend realistische Zukunftsutopie: Was, wenn das erste Kind kommt? Die Frau hört auf zu arbeiten, das Geld wird knapp, das Baby schreit jede Nacht; abends mit Freunden ausgehen, in Kneipen sitzen, einfach seine Ruhe haben ist nicht mehr drin. Allmählich bleiben die alten Bekannten aus, der Mann entflieht dem Chaos und geht eigene Wege, die Frau bleibt mit dem Kind allein, es kommt zu immer größeren Streitigkeiten . . . Eine ganz normale Entwicklung.</P><P>Der Pfarrer wendet sich an den Freundeskreis des Paares und fragt, ob sie bereit sind, die beiden zu unterstützen - einer der Hochzeitsgäste steht auf, erklärt, er sei von Beruf Scheidungsanwalt, natürlich wünsche er dem jungen Paar alles Gute, aber im Fall dass (casomai) wisse er, wo sein Platz ist: Er sei der Freund des Bräutigams.</P><P>An diesem Punkt macht der ungewöhnliche Kirchenmann den Anwesenden klar, dass es die Gesellschaft ist, die Geschiedene bevorzugt: Sie bedeuten zwei Autos, zwei Wohnungen, zwei Kühlschränke, zwei Zahnpasten - kurz: einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor. Und sie kaufen mehr, weil sie sich trösten müssen.</P><P>Dem gesellschaftskritischen Film des jungen Regisseurs Alessandro D'Alatri (auch Drehbuch mit Anna Pavignano) glückt die Umsetzung dieser harten Argumentation in filmische Elemente. Graue Theorie wird sinnlich erfahrbar und in edle Bilder gefasst. Die Trauungszeremonie bildet den Rahmen für die düstere Zukunftsvision und für die Rückblende, denn in der Kirche darf das Paar erzählen, wie es sich gefunden hat. Mit Stefania Rocca und Fabio Volo als Brautpaar und Gennaro Nunziante als Pfarrer fand der Film eine optimale Besetzung, die vom Rest des Ensembles wunderbar unterstützt wird. </P><P>"Casomai"<BR>mit Stefania Rocca, Fabio Volo, Gennaro Nunziante<BR>Regie: Alessandro D'Alatri<BR>Hervorragend </P>

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