Gesucht, aber nicht gefunden

- Die Sage vom Sänger Orpheus, der seine verstorbene Frau Eurydike erst aus dem Totenreich befreit und dann doch wieder verliert, ist eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Helmut Dietl, einer der wohl eigenwilligsten Film- und Fernsehregisseure hierzulande, hat sich des antiken Stoffes angenommen und daraus ein eigentümlich modernisiertes Drama geschaffen, das kühn als Komödie beginnt, um nach 107 Minuten tragisch als senile Schnulze zu scheitern.

<P>Der Komponist Mimi Nachtigall (Moritz Bleibtreu mit Dietl-Föhnwelle) lernt eine unbekannte Schöne mit güldenem Haar kennen, die Sängerin werden will. Doch es mangelt ihr an Höhen, an Tiefen, kurzum an Stimme. Der verliebte Mimi bringt dem ehrgeizigen Persönchen (Alexandra Maria Lara) die Flötentöne bei, und schwupps landet die nunmehr Venus Morgenstern betitelte Grazie einen Top-Ten-Hit nach dem anderen. Doch der Erfolg entzweit die Liebenden, und der misanthropische Musiker ist der jungen, aufstrebenden Schlagerinterpretin längst lästig geworden. Sie angelt sich einen anderen, er bringt sich nach arg ausufernd in Szene gesetztem Leiden um.<BR><BR>Doch jetzt kommt das Autorenduo Helmut Dietl, Patrick Süskind erst richtig in Fahrt: Ob es nur schlechtes Gewissen oder die zu spät erkannte wahre Liebe ist, bleibt in Laras wenig differenziertem Spiel unklar, auf alle Fälle macht sich Venus wie weiland Orpheus auf den Weg in den Hades, um ihren Mimi wieder hinauszulotsen. Geht schief, weiß man. Dass der Film vom ersten Einbruch des Märchenhaften an ebenfalls in die Binsen geht, war nicht zu erahnen. Keinem gelang es in den 80er-Jahren so treffend und witzig, die Gesellschaft zu analysieren wie Dietl in Serien wie "Monaco Franze" oder "Kir Royal". Doch das ist mittlerweile ein Vierteljahrhundert her. Dietls Regiestil ist nach wie vor derselbe geblieben: elegant, opulent und gedehnt. Tempo und Hektik sind seine Sache nicht. Patrick Süskind, der früher mal Bestseller wie "Das Parfüm" verfasste und seitdem in einer Dezennien währenden Schaffenspause versank, hat seine sentimentale Weltsicht ebenfalls nicht variiert. <BR><BR>Die Frauen sind schuld<BR><BR>Und genau hier liegt das Problem des an sich so erlesen arrangierten und in den ersten 45 Minuten auch noch pointierten Films. Wenn sich zwei von der Liebe und dem Leben Gezeichnete zusammentun, die einem dann in einem zwischen Komödie, Romanze und Melodram changierenden Epos erklären wollen, wie's denn eigentlich so läuft zwischen Männern und Frauen - da ist Skepsis angebracht. Denn die gereiften Herren richten die Haupt- wie Rahmenhandlung in "Vom Suchen und Finden der Liebe" ganz nach ihrem augenscheinlich in den 70er- und 80er-Jahren zum letzten Mal modifizierten Frauenbild aus. Alles dreht sich um Äußerlichkeiten, um Schein, ums Aussehen und um Befriedigung diverser Eitelkeiten. Das muss schief gehen, und so ist es auch. <BR><BR>So gut kann Dietl seine Schauspieler gar nicht führen, dass man sich nicht über die aneinander gereihten Altherrenwitze ärgert. Heino Ferch spielt die Fantasiefigur Hermes Aphroditus, ein in Goldfolie gepacktes Zwitterwesen mit gigantischen Brüsten, die er gerne entblößt. Entblößen darf sich auch Alexandra Maria Lara, die ihren Busen minutenlang in die Kamera reckt. Dazu sind Frauen da, dachten sich zwei alte Männer. Anke Engelke, die in einem Nebenhandlungsstrang auch noch für einen billigen Lacher gut ist, als sie mit Harald Schmidt im Bett liegen muss, springt in knapper Wäsche durchs Bild und drängt ihren Angetrauten (Uwe Ochsenknecht) permanent zum Geschlechtsverkehr. Darüber lacht die Geriatriestation. Die banale Moral von der Geschicht': Die Frauen sind schuld am Unglück der Kerle. Man darf gespannt sein, ob sich vielleicht ein paar Männer über 65 dieser altbackenen Überzeugung von Dietl und Süskind anschließen können. Jüngere wohl kaum. </P><P>(In München: Mathäser, Maxx, Royal, Arri, Leopold, Cadillac, Rio, Cinema, Tivoli.)<BR><BR>"Vom Suchen und Finden der Liebe"<BR>mit Moritz Bleibtreu, Alexandra Maria Lara, Uwe Ochsenknecht<BR>Regie: Helmut Dietl<BR>Erträglich </P><P> </P><P><BR> </P>

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