Getürkter Tod

- Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: Beim Tanzvergnügen 1964 zögert der schüchterne Teenager Boris Plotz einen Moment zu lange, seine große Liebe Betty aufzufordern. Ein dicker, pickliger Kerl kommt ihm zuvor. Der Prolog verweist bereits auf die folgende Konstellation: Gute drei Jahrzehnte später lebt Betty (Brenda Blethyn) daher unglücklich an der Seite des walisischen Bürgermeisters Hugh Rhys Jones (Robert Pugh), während Boris (Alfred Molina) nachts in seinem Bestattungsunternehmen alleine zu Tanzmusik Quickstep-Schritte übt und träumt, er wäre Fred Astaire.

<P>Über dreißig Jahre dauert es in Nick Hurrans skurriler britischer Komödie "Grabgeflüster", ehe hier Herz zum Herzen findet. Aber umso resoluter gehen die beiden älteren Semester ans Werk, um ihr spätes Glück zu verwirklichen: Da eine Scheidung vom eitlen, betrügerischen Angetrauten nicht in Frage kommt, muss Betty pro forma sterben und Boris sie bestatten, um anschließend mit der noch sehr lebendigen Toten in die Karibik zu entschwinden. Da kommt natürlich noch einiges dazwischen, unter anderem der konkurrierende Bestattungsunternehmer Frank Featherbed, glänzend gespielt von Christopher Walken. Featherbeds Ehrgeiz, die ominöse Einbalsamierungsflüssigkeit von Plotz auszuspionieren, macht den beiden verliebten Senioren sogar fast noch einen Strich durch die ersehnte Sterbeurkunde.</P><P>Den eigenen Tod inszenieren - das lag den Briten offensichtlich schon seit Shakespeares "Romeo und Julia" nahe. Nick Hurran entwickelt in seinem "Grabgeflüster" von Anfang an einen subtilen, morbiden Humor, der trotz manch überdrehtem Einfall nie in sinnlosen Klamauk mündet. Hurrans dritter Spielfilm mit Brenda Blethyn als Hauptdarstellerin (nach "Girls Night" und "Grasgeflüster") markiert vielmehr die gelungene Mischung aus hintergründig-bösen britischen Scherzen und freundlich-harmloser Comedy. Die Szenerie, die charmanten Charaktere und die staubtrocken-witzigen Dialoge erinnern an so liebenswerte Komödien wie "Lang lebe Ned Divine" oder "Brassed Off". Auch "Grabgeflüster" funktioniert nicht nur in den Pointen, sondern noch in den Szenen dazwischen, und das Spiel der Darsteller ist voller Witz und feiner Zwischentöne. Sogar die auffällig starke Typisierung der Figuren, normalerweise ein Manko jedes Spielfilms, macht hier Sinn - und war schließlich auch schon bei Shakespeare so. (In München: Maxx, Royal, ABC, Arena und Cinema i. O., Arri, Mathäser.)</P><P>"Grabgeflüster"<BR>mit Brenda Blethyn, Robert Pugh, Alfred Molina<BR>Regie: Nick Hurran<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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