Gewisse Melancholie

- Mit seinem Spielfilmdebüt "Nach 5 im Urwald" wurde der 1965 in Altötting geborene Hans Christian Schmid 1996 bekannt. Es folgten "23" (1997) und "Crazy" (2000), in denen Schmid immer wieder Geschichten vom Erwachsenwerden erzählte. "Lichter" bedeutet nun einen thematischen Bruch: Der Episodenfilm spielt im deutsch-polnischen Grenzgebiet um Frankfurt/Oder und verknüpft das Schicksal mehrerer Erwachsener.

<P>Sie haben einmal gesagt: "Man macht Filme, die man gern im Kino sehen möchte." Was hat Sie bei "Lichter" gereizt? <BR><BR>Schmid : Ich interessiere mich für Filme, die sich mit der deutschen Wirklichkeit auseinander setzen. Ich hatte einen Artikel über eine Flüchtlingsgruppe gelesen. Ein privater Ausflug an die Oder kam hinzu. Und der Wunsch, episodisch zu erzählen. Für uns, meinen Co-Autor Michael Gutmann und mich, gab es nur die Bedingung: ein Ort, eine Zeit, ein Thema. Dieses Thema ist weit gefasst. Das war alles eher skizzenhaft und spielerisch konzipiert, nicht gemeißelt.<BR><BR>Man hat von ausbeutenden Deutschen, von polnischen Studentinnen, die auf den Strich gehen, und anderem schon öfter gehört. Aber es gibt Orte und Themen, bei denen man dem Klischee nicht entkommen kann.<BR><BR>Schmid : Ich bin überzeugt, dass Klischees zu Recht existieren. Wenn man zu sehr versucht auszuweichen, aus Angst, nicht schlau genug zu sein, läuft man Gefahr, das Charakteristische zu verpassen. Man muss das Augenfällige zeigen. In Slubice gibt's bei 10 000 Einwohnern 200 Bordelle. Das ist einfach so. Das Klischee wollte ich vermeiden, habe versucht, zu einer Figur zu kommen, die nicht so typisch ist.<BR><BR>Wie wichtig ist Ihnen Realität? <BR><BR>Schmid : Gewiss würde ich mir ungern sagen lassen, dass alles völlig aus der Luft gegriffen ist. Aber Film ist natürlich mehr als der Versuch, Wirklichkeit abzubilden. Man will ja eine Essenz finden. Es gibt einen Aufsatz von Kieslowski, in dem er sagt, er habe aufgehört, Dokumentarfilme zu machen, als er merkte: Er kommt der Realität auf diesem Weg nicht mehr näher auf die Spur. Das finde ich sehr bezeichnend für das, was man mit einer erfundenen Form will. Man möchte mehr Erkenntnis über die Wirklichkeit.<BR><BR>Im Vergleich zu Ihren früheren Filmen geht "Lichter" anders mit Menschen um, wirkt gelassener und sehr nahe dran an den Figuren.<BR><BR>Schmid : Das hat in erster Linie etwas mit einer bestimmten Genauigkeit als Autor zu tun. Auch mit Verdichtung. Zugleich war "Lichter" der Versuch, durch eine Handkamera möglichst große Freiheit für die Schauspieler zu erreichen. Da verliere ich dann die Kontrolle. Wenn das nicht im Drehbuch steht und trotzdem sehr gut wird, ist es wunderbar. Ich achte nur darauf, dass der Kern erhalten bleibt. <BR><BR>Warum gehen die Geschichten schlecht aus? Es gibt so eine Oberfläche der Depression.<BR><BR>Schmid : Wenn ich nach Frankfurt an der Oder fahre, spüre ich das. Und die Behauptung, dass dort alles schon bestimmt gut werden wird, geht einfach nicht auf. Es ist augenfällig: Die haben Probleme dort, und denen verschließt sich der Film nicht. Aber es geht gar nicht alles schlecht aus. Ich wünsche mir, dass ich die Zuschauer mit einer gewissen Melancholie entlasse - hoffentlich nicht mit einer fetten Depression. </P><P><BR>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland<BR></P>

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