Es gibt keine Unschuld

- 1941 in Lyon geboren, als Sohn eines Schriftstellers und Verlegers in Paris aufgewachsen, ist Bertrand Tavernier heute der wichtigste französische Regisseur der ersten Generation nach der "Nouvelle Vague". Der Regisseur gewann 1995 bei der Berlinale den Goldenen Bären für "L'Appat". Auf dem Münchner Filmfest hat "Holy Lola" Premiere.

"Holy Lola" dreht sich um das Thema Adoption und erzählt von einem Paar, das sich in Kambodscha um ein Kind bemüht. Wie kam es zu diesem Projekt?Tavernier: Mich hat tatsächlich das "Warum" der Adoption nicht interessiert, sondern das "Wie". Mit welchen Problemen sind diese Leute konfrontiert, die die Kinder de facto durch die Adoption aus entsetzlichen Lebensbedingungen retten: Ich bin überzeugt, dass durch die Adoption vielen Kindern geholfen wird. Sie bekommen eine bessere Ausbildung und Versorgung, manche entgehen Vergewaltigung, Prostitution oder der Verstümmelung durch Landminen.Gibt es nicht auch eine andere Seite? Die Beziehungen zwischen Ex-Kolonien und ihren Ex-Herren sind ja keineswegs unschuldig.Tavernier: Das stimmt: Es gibt keine Unschuld. Es ist auch richtig, dass Adoption nicht alle Probleme löst. Aber auf Adoptionen völlig zu verzichten, löst gar nichts.Was haben - aus Ihrer eigenen Sicht - Ihre Filme mit ihren verschiedenen Themen gemeinsam?Tavernier: Eines haben alle meine Filme gemeinsam: den Wunsch zu lernen, ein Territorium zu erkunden, das vorher für mich unbekannt war, und mitzuteilen, was immer ich dabei entdecke, was ich tragisch oder witzig finde. Ich hatte noch nie eine These, noch nie vorab festgelegte Ideen. Ich wusste nie, was dabei herauskommen würde, ich will etwas finden, ich will mich selbst mit ganz alltäglichen Details einer Sache konfrontieren. Oft entdecke ich erst während des Films bestimmte Wahrheiten. Und oft ändern sich die Filme während dieses Prozesses. Das Ende meiner Filme ist oft nicht identisch mit dem Ende im Drehbuch.Sie selbst gelten in Ihrer Heimat als sozial und politisch "engagierter Regisseur".Tavernier: Ich bin immer ein bisschen besorgt, wenn mich Leute so nennen. Es stimmt, aber ich denke, in diesem Sinn sind alle Regisseure engagiert. Für mich klingt das so, als behaupteten die Leute, dass ich ein Regisseur sei, der Thesenfilme macht. Das heißt nicht, dass meine Filme keine Überzeugungen hätten - im Gegenteil: Sie haben sehr starke  Überzeugungen.Wie würden Sie Ihr Vorgehen beschreiben?Tavernier: Es ist in gewisser Weise ethnographisch. Ein Historiker ist von Fakten besessen. Aber ich muss Charaktere in fiktionaler Weise beschreiben, muss erzählen und mit meiner Fantasie arbeiten. Denn ich möchte vermeiden, Dinge zu erzählen, die das Publikum schon längst kennt.Sie haben in Ihren bisherigen Filmen schon mit vielen großen Schauspielern gearbeitet, vor allem schönen Frauen . . .Tavernier: Ich habe July Delpy entdeckt, "La Passion Beatrice" war ihr erster Film. Sophie Marceau ist schön und, wenn man sie inszeniert, sehr, sehr gut. Romy Schneider brauchte etwas, was zu ihr passte. Dann war sie unglaublich gut - man musste ihr nichts erklären. Ich habe nie wieder eine ähnlich instinktiv intelligente Schauspielerin getroffen.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

Maxx: 25.6. um 19.45 Uhr, 26.6. um 14.30 Uhr.

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