Gläserner Sarg

- Alfred Hitchcock hat sein Leben lang davon geträumt, einen Film nur an einem einzigen, begrenzten Ort wie etwa einer Telefonzelle zu drehen. Joel Schumacher hat sich diesen Traum erfüllt: Sein Psychothriller "Nicht auflegen!" spielt ausschließlich in einer New Yorker Telefonzelle. Naja, nicht ganz. Auch die Straße und der Gehweg werden mit einbezogen. In einem derart eingeschränkten Handlungsspielraum einen spannenden Film zu drehen, ist angesichts der vielen dramaturgischen Beschränkungen kein einfaches Unterfangen. Doch das Konzept von Schumacher und seinem Drehbuchautor Larry Cohen geht auf. Zu verdanken ist dies vor allem dem Hauptdarsteller.

<P>Colin Farrell spielt überaus glaubwürdig den schmierigen PR-Mann Stu Shepard, der großspurig mit dem Designeranzug prahlt, laut Plattitüden ins Handy quakt und jedem das Blaue vom Himmel verspricht, während er in Wirklichkeit seine Umgebung nur belügt und betrügt. Auch seine Ehefrau Kelly (Radha Mitchell). Um seine Geliebte Pamela (Katie Holmes) anzurufen, betritt er das gammelige Telefonhäuschen an der 53. Straße. Pamela ist nicht zuhause, Stu will die Zelle gerade wieder verlassen, als das Telefon klingelt und er reflexartig den Hörer abnimmt. Das hätte er mal lieber bleiben lassen, denn am anderen Ende der Leitung ist ein Serienkiller, der ihn gerade ins Visier nimmt. Sobald Stu den Hörer auf die Gabel legt, werde er abdrücken, versichert ihm der Psychopath. Ein wahnwitziges, geschickt konstruiertes Machtspiel zwischen den beiden beginnt.</P><P>Das straffe, temporeich geschriebene Drehbuch lässt manchen logischen Bruch in der Argumentation des Scharfschützen (Kiefer Sutherland), der fast bis zum Schluss unsichtbar bleibt, vergessen. Farrell überzeugt durch seinen körperlichen und psychischen Verfall, während er am Hörer mal um sein Leben wimmert, mal schreit, flucht oder nach seinem Anwalt ruft. Mit angstverzerrtem Gesicht steht der Angeber in der Zelle und versucht verzweifelt, sich aus seinem gläsernen Sarg zu befreien. Wenn es überhaupt eine Schwachstelle gibt in diesem atemberaubend dicht gewobenen Netz aus Nervenkitzel, dann sind es die moralischen Zwischentöne: Unklar bleibt, warum der Scharfschütze so handelt, und seine Empörung über den ehebrechenden Werbeheini kann ja wohl nicht der einzige Grund sein, den Mann gleich abknallen zu wollen. Da gibt es auch in den USA schlimmere Straftaten.</P><P>(In München: Mathäser, Maxx, Royal, Leopold, Cinema i. O.) <BR><BR>"Nicht auflegen!"<BR>mit Colin Farrell, Kiefer Sutherland, Forest Whitaker<BR>Regie: Joel Schumacher<BR>Sehenswert</P>

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