Auf dem Weg in die Glaubensschlacht

München - Shekhar Kapur wurde 1945 in Bombay geboren. Seit 1983 arbeitet er als Regisseur. Seit "Bandit Queen" (1994) ist Kapur bis heute der einzige indische Regisseur, der dauerhaft im Westen erfolgreich ist. "Elizabeth" brachte ihm 1998 sieben Oscar-Nominierungen und Cate Blanchett in der Hauptrolle den internationalen Durchbruch. Nach ihrer Premiere in Antalya kommt die Fortsetzung "Elizabeth - Das Goldene Zeitalter" über die reife Queen nun ins deutsche Kino.

-Sie leben wechselweise in London und Bombay, drehen seit zehn Jahren mit Hollywood-Studios. Wie würden Sie Ihre Identität als Filmemacher charakterisieren?

Total indisch. Aber heute verlieren solche klassischen Identitäten sowieso an Bedeutung. Bald schon werden manche Internet-Blogs hundert Millionen Leser vereinen, und daraus wird sich ein neuer "ismus" formen, der jeden Nationalismus überstrahlt.

- Das Thema von "Elizabeth" ist ganz historisch und ganz britisch. Gleichzeitig gibt es natürlich eine Menge universaler Bezüge, Bezüge zur Gegenwart.

Auch wenn Elizabeth eine englische Königin war, ist sie heute doch auch eine Ikone. Ihre Jungfräulichkeit war vor allem ein politisches und kulturelles Statement. Sie verleugnete ihre Weiblichkeit, um Männer regieren zu können. Mein Film zeigt nun, wie sie sich selbst gewissermaßen spiritualisiert und vergöttlicht. Aus meiner Sicht ist das eine sehr asiatische Interpretation dieser Figur. Man könnte auch sagen: Meine Elizabeth ist eine Buddhistin. Ein Mensch, der innere Ruhe erreichen wollte, der eins werden will mit den Elementen.

-Was verkörpert Elizabeth heute? Eine Ikone des Mutes und der Standhaftigkeit?

Sie verkörpert die Verwundbarkeit hinter der Macht. Sie ist insofern ein Vorbild in einer anderen Weise. Unbedingt vorbildlich ist ihre politische und religiöse Toleranz. Das ist auch die politische Botschaft meines Films: Ihr Gegenspieler Phillip II. von Spanien repräsentiert einen weitaus asketischeren Zugang. Einen Glauben, der jede Vorstellung zurückweist, die nicht der eigenen entspricht. Elizabeth dagegen hatte die Fähigkeit, Vielfalt herbeizuführen und zuzulassen. Ein sehr femininer Ansatz.

-Ihr Film hat auch offenkundige politische Parallelen zu unserer Zeit.

Derzeit sind wir wieder auf dem Weg in eine Glaubensschlacht. Leider! Wenn man sich die Führer der westlichen Welt anschaut, dann muss man feststellen: Es ist in der Gegenwartspolitik zu viel von Gott und Religion die Rede.

-Als Inder: Wie sehen Sie das Verhältnis von Europa und Asien?

Asien wird wichtiger und wichtiger. Und das gefällt mir nicht allein, weil ich Inder bin. Ich mag, dass die Welt mehr als ein Zentrum hat. Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird die Welt von einer einzigen Kultur dominiert: der Kultur aus den USA. Darum ist die Idee "Eurasien" für mich interessant. Nicht um gegen die USA zu kämpfen. Aber um selbstbewusst zu sagen: Es gibt noch andere Zentren in der Welt. Es geht ums Selbstbewusstsein. Auch das Europas.

-Was können wir Europäer, abgesehen von den Moden, von Asien lernen? Und was kann umgekehrt Asien von uns lernen?

Zunächst mal haben wir ein ganz praktisches gemeinsames Interesse: den rohen Kapitalismus einzudämmen. Nehmen Sie das Beispiel der sogenannten "Piraterie". Ich produziere ja als Regisseur selbst "intellektuelles Eigentum". Aber Ideen sind für den Austausch gemacht. Stellen Sie sich mal vor, irgendwelche Priester würden das Copyright auf die Bibel, den Mahabharatha oder den Koran beanspruchen und es schützen lassen. Unser Problem ist, dass alle Angst haben, Ideen zu teilen. Wenn jeder nur noch an seinen Profit denkt, schadet das allen.

-Gibt es in Ihrem Film Momente, die Ihnen besonders asiatisch erscheinen?

Lassen Sie uns nicht "asiatisch" sagen, sondern "östlich". In den meisten englischen Geschichtsbüchern steht zum Beispiel, die Schlacht gegen die Armada wurde wegen solcher Kommandeure wie Drake gewonnen. Tatsächlich wurde sie gewonnen wegen eines ungewöhnlich großen Sturms. Eine Szene wie von Shakespeare: Etwas Mythisches brach in die Alltagswirklichkeit ein. Dies durchzieht untergründig den ganzen Film.

Ein zweites Beispiel: Die Szene, in der ein katholischer Terrorist Königin Elizabeth töten will. Sie weicht nicht aus, sie präsentiert sich geradezu ihrem Attentäter. Für mich ist das ein sehr mythischer, asiatischer Moment: "Töte mich, wenn Du es vermagst!" Mit Freud und westlicher Psychologie könnte man aber auch sagen: Ein heimlicher Todeswunsch und ein Todestrieb.

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