Aus dem Gleichgewicht

- Ein Sommerfilm, leicht, flirrend, erhitzt. Aber plötzliche kurze Windböen wirbeln die ruhige Stimmung durcheinander, und ihre kühle Brise korrespondiert mit dem Blick der Kamera, der neugierig ist, aber objektivierend, distanziert. Ein Ferienfilm, in dem die Menschen ein bisschen desorientiert scheinen durch die freie Zeit, in der ihr Leben nicht durch Alltagsrhythmen und allerlei Verpflichtungen bestimmt wird, sondern sie es selber ordnen müssen - und eine Menge Chaos schaffen.

Man denkt an Rohmer, überhaupt an die Franzosen bei dieser Geschichte über Menschen, denen es ganz gut geht und die trotzdem, wenn sie sich selbst ausgesetzt sind, erschüttert werden von einer Krise, die keine Ursache hat, weil sie nichts anderes ist als das Leben selbst. Man kann auch an Goethes "Wahlverwandtschaften" denken, auch das eine Feriengeschichte, wenn man so will, eine Story vom unbeschwerten Leben, einem Gleichgewicht der Beziehungen, das durch kleine Verlagerungen des Schwerpunkts in einer Weise gestört wird, dass die alte Harmonie für immer verloren ist -obwohl es nachher keiner gewesen sein will.

Es sind, wie bei Rohmer und bei Goethe, existenzielle Fragen, die hier in bewundernswert leichter und lange Zeit heiterer Weise verhandelt werden. Ein Sommer im Norden. Miriam und André, ein Paar um die 40, macht Ferien in einem Reetdachhaus. Sie werden besucht von Miriams 16-jährigem Sohn Nils und dessen Freundin Livia, noch nicht ganz 13 Jahre alt. "Ist sie nicht ein bisschen zu jung für ihn?", fragt André, doch sofort spürt man, dass diese Frage nur eine Maske ist für ein eigenes, kaum eingestandenes Interesse.

Komplizin und Konkurrentin

Nils mag den Freund seiner Mutter sowieso nicht. Livia wirkt auf den ersten Blick wie eine altkluge Lolita und bringt alle Männer durcheinander. Auch den Nachbarn, den Amerikaner Bill, den man beim Segeln kennenlernt. Im Laufe der Zeit versteht man aber, dass Livia einfach sehr reif und selbstbewusst ist für ihr Alter und allen anderen immer mindestens drei Züge voraus -auch darin eine typische Rohmer- Figur. Sie ist das Zentrum der Geschichte.

Das Zentrum des Films aber ist Miriam. Konzentriert, trotzdem ganz beiläufig spielt Martina Gedeck diese Frau, die unsicher wird als Objekt des Begehrens verschiedener Männer, als Mutter, als Schutzbefohlene eines jungen Mädchens, das alles zugleich ist: Komplizin und Konkurrentin, in jeder Hinsicht außer Reichweite und emotional die Nächste. Gedeck ist glänzend. Sie zeigt hier unter der Maske des Pragmatismus viel Verletzlichkeit und weit mehr Intensität als etwa in "Das Leben der Anderen", wo sie stark unter Wert inszeniert wurde.

"Sommer ’04", einer von zwei deutschen Filmen, die auf dem Festival von Cannes liefen, zeigt uns seine Figuren immer aus zwei Perspektiven zugleich: Wir sehen ihnen zu, und wir sehen anderen dabei zu, wie sie über sie reden und sich zu ihnen verhalten. Langsam implodieren die unter der Oberfläche aufgeladenen Verhältnisse. Eine Sommergeschichte mit Tiefgang, bestechend subtil erzählt in den fragmentarischen Bildern des Kameramanns Patrick Orth.

Ein moralischer Thriller, der Unschuld beobachtet und nach Verantwortung fragt, nach Ignoranz und nach Schuld und nur am Ende etwas ins Melodram abgleitet.

Ab morgen in München: Maxx, ABC, Eldorado

"Sommer ’04" mit Martina Gedeck, Robert Seeliger

Regie: Stefan Krohmer

Hervorragend

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