"Glück": Doris Dörries Bestsellerverfilmung

München - 54 Wochen stand Ferdinand von Schirachs Erzählband “Verbrechen“ auf der Bestsellerliste. Doris Dörrie bringt jetzt mit “Glück“ eine der Geschichten ins Kino. Sehen Sie hier den Trailer:

Sogar eine Mini-Wohnung in einem trostlosen Berliner Plattenbau kann das Paradies sein. Es ist eine Frage des Standpunktes, der Haltung. Und Irina, dem Krieg in ihrer osteuropäischen Heimat entronnen, nimmt entschieden den Standpunkt ein, dass alles gut ist. Sie hat ein Dach über dem Kopf, zu essen, niemand schießt auf sie, und sie kann sogar Geld verdienen. Mit illegaler Prostitution zwar, aber es ist ein Anfang.

Das alles versucht Irina Kalle zu erklären in ihrem bruchstückhaften Deutsch. Kalle ist ein obdachloser Einheimischer, der sich dazu entschlossen hat, die Welt schlecht zu finden und sich selber leid zu tun. Irina liebt ihn trotzdem, diesen Jungen, der nicht erwachsen werden will. Eine einfache Geschichte also über zwei, die lernen müssen, dass etwas behalten viel schwieriger ist, als etwas zu finden. In diesem Fall also die Liebe beziehungsweise das Glück.

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Dass Dörrie ausgerechnet diese Kurzgeschichte aus dem Bestseller „Verbrechen“ von Ferdinand von Schirach ausgesucht hat, um einen Film daraus zu machen, überrascht nicht. Diese zwei Außenseiter, die verzweifelt um ihr kleines Glück ringen, darum kämpfen und dafür Unglaubliches auf sich nehmen, sind wie geschaffen für die große Leinwand. Umso beachtlicher, dass Dörrie der Versuchung nach großen Posen und Pathos widersteht. Es ist ein fast intimes Porträt zweier Liebender geworden, eine zärtliche Skizze eher, denn eine epische Romanze, und das macht den Charme des Films aus.

Wie sich zwei einsame Seelen umkreisen, misstrauisch beäugen und dann rührend versuchen, so etwas wie bürgerlichen Alltag zu leben in einer kaputten Umgebung, das ist sehr leise eingefangen, aber sehr eindringlich. Dass man das glaubt, selbst den drastisch-grotesken finalen Akt, das liegt natürlich an den Schauspielern, die einiges zu schultern haben. Vinzenz Kiefer und Alba Rohrwacher verleihen den Charakteren, die zu Karikaturen hätten werden können, Seele und nehmen den Zuschauer nachhaltig für sie ein – was wichtig ist: Wenn man die beiden und ihr Glück nicht mag, funktioniert der Film nicht.

Aber Kiefer und Rohrwacher gelingt das Kunststück, diese unschuldige Liebe zu vermitteln, glaubhaft zu machen. Und so folgt man diesem merkwürdigen Paar willig bis hin zum hemmungslos überzogenen Abspann, bei dem Dörrie ihre Zurückhaltung aufgibt und in heiler Welt schwelgt. Muss manchmal wohl auch sein.

Zoran Gojic

Rubriklistenbild: © Constantin Film Verleih GmbH/Mathias Bothor

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