Glück und Scham in Auschwitz

- Robert Thalheims "Am Ende kommen Touristen" erzählt von einem Zivildienstleistenden im Konzentrationslager Auschwitz.

Es ist Sommer, die Sonne hängt tief, ein junger Mann kommt in eine fremde Stadt, die viel von Touristen besucht wird. Dies könnte eine Idylle sein und der Anfang für eine heitere Geschichte, hieße dieser Ort nicht Auschwitz. Und das Erstaunliche an diesem Film ist, wie gut es dem Regisseur gelingt, einen leichten Grundton zu wahren, ab und zu sogar witzig zu sein ­ trotz dieses Schauplatzes.

Wer Robert Thalheims Erstling "Netto" gesehen hat, weiß um die Stärke des Regisseurs: eine Leichtigkeit des Erzählens, die der Story alles Schwere austrieb und mit einer gesunden Portion Sarkasmus würzte. Schon die Aussicht, er würde einen Spielfilm über das Auschwitz der Gegenwart drehen, ließ viel erhoffen. Man hätte sich auch eine Komödie vorstellen können, einen Film, der die Peinlichkeit des Geschichtsgebrauchs und mancher Gedenkrituale bloßlegt, mit scharfem Blick, satirisch, aber ohne selbst peinlich zu werden.

Spurenelemente eines solchen Films finden sich tatsächlich in "Am Ende kommen Touristen". Etwa wenn die Bemühungen eines deutschen Unternehmens skizziert werden, den passenden Umgang mit der Geschichte zu finden, sich "der Verantwortung bewusst" zu werden ­ obwohl man doch eigentlich die Polen als billige Arbeitskräfte braucht. Im Zentrum aber steht anderes: Sven Lehnert (Alexander Fehling) ist als Zivildienstleisternder in der Gedenkstätte tätig.

Zwei Menschen lernt er näher kennen. Den über 80-jährigen Herrn Krzeminski (gespielt von der polnischen Schauspieler-Legende Ryszard Ronczewski), ein Ex-Häftling, der alte Koffer seiner Mithäftlinge restauriert und Besuchern von seinen Erlebnissen berichtet. Ania (Barbara Wysocka) ist eine junge Frau, die ihr Geld als Reiseführerin verdient und von hier weg will. Beide stehen für die zwei Seiten von Svens Verhältnis zu diesem Ort: Krzeminski löst Scham aus, die in Überidentifikation mündet. In Ania verliebt er sich ­ und damit zugleich in eine Gegenwart, die Glück und Alltag bedeutet, das Vergessen der Vergangenheit, das auch wieder Schuldgefühle weckt. Darf man in Auschwitz glücklich sein?

Thalheim arbeitet mit einer Handkamera und Material, das den Bildern ein dokumentarisches Flair gibt. Der Blick ist beiläufig, bereit zu raschen Perspektivwechseln. Das betont die flanierende Position Svens, seine Unsicherheit, aber auch die Unmittelbarkeit des Geschehens. Es treibt den Bildern alles Getragene aus.

In unangestrengter Weise, zeigt Thalheim, wie kompliziert der Umgang mit der deutschen Schuld bleibt. Er zeigt, wie auch dieser Umgang industrialisiert wird, das Gedenken schwer wird. Er zeigt neben dem Schulddilemma junger Deutscher auch die Dilemmas der Polen, die heute vom Lagertourismus leben. Vor allem aber ist dies ein Gegenstück zum bleiern-autoritären Repräsentationskino à la "Der Untergang" und "Das Leben der Anderen", in dem alles ein Symbol mit Bedeutung wird, aus dem überdies Leben und Alltag ausgetrieben sind. (In München: Abc, Eldorado.)

"Am Ende kommen Touristen"

mit Alexander Fehling, Barbara Wysocka, Ryszard Ronczewski

Regie: Robert Thalheim

Hervorragend

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