Glut und Leidenschaft

- Man schreibt das Jahr 1964: Italiener haben in Duisburg bisher höchstens im Bergwerk gearbeitet. Jetzt gründen Rosa und Romano Amato die erste Pizzeria im Ruhrpott. Nicht "Romano" oder "Rosa" soll sie heißen, sondern nach dem apulischen Heimatdörfchen "Solino". Rosas Vorschlag rührt Romano zu Tränen. Damals ist die Welt noch in Ordnung.

 Doch allmählich - mit dem Wachsen des Geschäfts und der Kinder - zeichnen sich die ersten Risse ab, die sich zur völligen Unvereinbarkeit der Charaktere beider Eltern und ihrer zwei Söhne ausweiten werden, bis die Familien-Idylle zerbricht - an Untreue, Neid, Eifersucht, Lüge, Verrat und Diebstahl. <BR><BR>Der türkische Regisseur Fatih Akin (Jahrgang 1973) schuf mit "Solino" eine Familien-Saga der Extraklasse und versetzte ihre Anfänge stilsicher in die 60er-Jahre. Die Zweisprachigkeit des Films trägt sehr zu seiner Glaubwürdigkeit bei. In allen Szenen sorgt die Liebe zum Detail für Authentizität. Selbstverständlich betet Familie Amato vor dem Essen. Oder Rosas Kultur-Schock: In der deutschen Wohnung fehlt im Bad ein Bidet. Solche Elemente heben die Arbeit weit über billige Dutzendware hinaus. Heimatlosigkeit, Sehnsucht nach dem Zuhause, das Verhältnis zu den Deutschen, aber auch Rivalität unter Brüdern, ein ewiges Zu-kurz-Kommen und der Versuch, seiner Berufung zu folgen, sind wichtige Themen. Darüber hinaus reflektiert der Film aber auch über das Berufsbild des Filmemachers, zeigt Kino-Geschichte und sozusagen Film im Film. <BR><BR>Das immer wieder überraschende Drehbuch von Ruth Thoma wartet mit stimmigen Rollen auf. Neben einer fantastischen Antonella Attili als Rosa und einem überzeugenden Gigi Savoia als Romano erstaunen vor allem die beiden Kinder Nicola Cutrignelli (der junge Gigi) und Michele Ranieri (der kleine Giancarlo), die - beinahe ist man versucht zu sagen, leider - allzu bald durch den sanft-sensiblen Barnaby Metschurat (Gigi) und den weit härteren Moritz Bleibtreu (Giancarlo) ersetzt werden. Sehenswert sind auch Hermann Lause als Fotohändler und Altmeister Vincent Schiavelli als Regisseur Baldi, der Gigis Lebensmotto beisteuert: "Vivere con ardore e passione" (Leben mit Glut und Leidenschaft).<BR><BR>"Solino" <BR>mit Antonella Attili, Gigi Savoia <BR>Regie: Fatih Akin <BR>Hervorragend <BR>

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