Goldener Löwe für den Erfolgreichen

Venedig - Am Ende war es doch ein überraschendes Votum: Zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren gewinnt der in den USA lebende Chinese Ang Lee den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig - und zum dritten Mal in Folge ein chinesischer Regisseur; 2006 war es Jia Zhang-Ke mit "Still Life".

Ang Lees Film "Lust, Caution" wurde überdies noch mit dem Kamerapreis ausgezeichnet. Für Lee ist dies bereits der vierte Hauptpreis auf einem A-Festival. Vor den beiden Goldenen Löwen hatte er 1993 und 1996 zweimal in Berlin den "Goldenen Bär" gewonnen. Damit gehört er endgültig zu den erfolgreichsten lebenden Regisseuren der Welt. Vor allem, weil Lee erst kürzlich in Venedig gewann, hatte man "Lust, Caution", der bereits am ersten Tag des Wettbewerbs lief, eher einen der anderen Preise zugetraut.

Das elegisch inszenierte, dennoch auf seine Art intime Historiendrama spielt in Hongkong und Shanghai während des Zweiten Weltkriegs, als China von Japan besetzt war, und handelt vom Konflikt zwischen Begehren und Moral.

Eine junge Studentin kämpft in einer Widerstandsgruppe gegen die Besatzer. Bei einem geplanten Attentat auf einen führenden Kollaborateur soll sie als "Lockvogel" dienen - und verliebt sich in ihr Opfer.

"Es ist überwältigend, dass diese Ehre gerade von einer Jury kommt, die nur aus Regisseuren besteht", bedankte sich Lee bei der Preisverleihung. In seiner Dankesrede erinnerte er an den Tod der "Regie-Giganten" Antonioni und Bergman und widmete seinen Preis der Erinnerung an Bergman, den er persönlich gekannt und erst kürzlich besucht hatte.

Der Silberne Löwe für Regie ging an Brian DePalma für dessen beklemmendes Irak-Kriegs-Drama "Redacted". "Dieser Krieg wird nicht schnell vorbei sein", erklärte DePalma bei der Ehrung. "Hoffentlich werden die Leute, wenn sie endlich die Bilder des Krieges zu sehen bekommen, draußen auf der Straße demonstrieren." Die besondere Qualität von "Redacted" liegt in seinen Skrupeln, darin, dass dieser Film und sein Regisseur sich immer wieder selbst in Frage stellen, ihrer eigenen Perspektive nicht trauen.

Indem er zwischen Filmmaterial, Bildpositionen und Kamerablicken, zwischen Spielfilm und Doku, Off-Kommentar und Videotagebuchstil hin und her wechselt, signalisiert DePalma den Zuschauern: Es gibt kein Bild, keine Aussage, denen man glauben kann - ihr müsst selbst entscheiden. "Der Film ist für mich eine Suche nach Antworten", so DePalma.

Der drittwichtigste Jury-Preis ging an Todd Haynes (für das Bob-Dylan-Biopic "I m Not There") und den Franzosen Abdellatif Kechiche für dessen Familiendrama "La graine et le mulet". Der Film gewann auch den "Fipresci-Preis" und mit seiner Hauptdarstellerin Hafsia Herzi den "Premio Marcello Mastroianni." Die beiden weiteren Darstellerpreise gingen etwas überraschend an die US-Darsteller Brad Pitt und Cate Blanchett - die beide nicht zur Preisverleihung erschienen.

Klarer Verlierer ist der Amerikaner Paul Haggis, dessen "In the Valley of Elah" ebenfalls vom Irakkrieg handelt, im Zweifel aber wegschaut und auf eine Weise versöhnlich wirkte, die für viele nur wie typische Hollywood-Verlogenheit erschien.

So endete am Wochenende ein Festival, das Licht und Schatten bot. Zwar fielen die drei italienische Beiträge durch, und man vermisste ganze Filmregionen wie Lateinamerika, doch stand der Wettbewerb allemal auf starkem Grundniveau - wenn es auch nur wenige Filme gab, die überraschende, avantgardistische Filmsprachen, Experimente und stilistische Innovation boten.

Festivalchef Marco Müller setzte eher auf bekannte Namen und amerikanische Stars als auf das Neue und Unerwartete. Das wiegt um so schwerer, als unter Müller die Nebenreihen - noch vor wenigen Jahren ein Herz des Festivals - zuletzt stark reduziert wurden, sodass man die dort noch wirklich lohnenswerten Filme an einer Hand abzählen konnte.

Hinzu kommt, dass die diesjährige, mit viel Aplomb angekündigte Retrospektive zu Italo-Western die Erwartungen nicht erfüllte und vom Festival selbst überaus lieblos gehandhabt wurde. Damit erfüllt die "Mostra" derzeit die Aufgaben eines Festivals nur halb. Und das Programm trug allenfalls über eine Woche, nicht aber über zwölf lange Tage.

Viel Show, etwas zu wenig dahinter, so die Kritik, die auch in der italienischen Presse lauter wird. Zudem hat sich Müller mit Davide Croff, dem Chef der Gesamt-Biennale, offenbar zerstritten. So deutet, unabhängig von Croffs anstehender Vertragsverlängerung, viel darauf hin, dass Müllers Zeit am Lido abgelaufen ist - egal wie viele Hollywoodstars er diesmal herankarrte.

Seine Nachfolgerin, munkelt man, werde Irene Bignardi, die bereits einmal, in Locarno, auf Müller folgte. So endet Venedig wie so oft: mit der Rückkehr der italienischen Lokalpolitik und einem strahlenden Sieger aus Asien.

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