Goldener Löwe für "The Wrestler" mit Mickey Rourke

Der Lido lag einem Mann zu Füßen: Draußen vor dem Roten Teppich johlte das begeisterte Publikum, und drinnen bei der Preisverleihung gab es Standing Ovations für Mickey Rourke.

Es war ein Triumph für den 51-jährigen amerikanischen Schauspieler, der mit seiner umwerfenden Darstellung eines alternden Showringers, der es noch einmal wissen will, alle mitriss. Bei der Verleihung der Preise des 65. Filmfestivals von Venedig gab es dann zwar am Samstag - hochverdient - den Goldenen Löwen für diesen "Wrestler"-Film, jedoch keine Auszeichnung für die schauspielerische Leistung des einstigen Sexsymbols Rourke ("Neuneinhalb Wochen").

Der Grund: Venedigs Festivalregeln schließen es aus, einen Darsteller aus einem preisgekrönten Werk auch noch zu ehren. Und genau das führte zum Eklat.

Im Mafia-Look war Mickey Rourke, über dessen Geburtsdatum es verschiedene Angaben gibt, zur Preisverleihung gekommen, Zigarre im Mundwinkel und sein Chihuahua-Hündchen im Arm. Und als der Goldene Löwe für Darren Aronofskys "The Wrestler" verkündet war, stürmte Rourke zusammen mit dem Regisseur auf die Bühne. Was dann folgte, nannte die italienische Presse schlicht einen "Fauxpas" des Präsidenten der siebenköpfigen Jury: Wim Wenders würdigte vor allem die "herzerweichende" Interpretation des Wrestling-Veteranen Randy "The Ram" Robinson durch den Ex-Profiboxer Rourke. Und er regte an, Venedig möge das Reglement ändern. Auf gut Deutsch: Die Jury hätte an den amerikanischen Star auch noch den Darsteller-Preis geben sollen.

Während "The Wrestler" die Jury rührte und ihr einen wirklich herausragenden Film lieferte in einem Meer an Mittelmäßigkeit im Festival-Jahrgang 2008, war also auch Kalkül im Spiel. In einem diplomatischen Schritt vergaben die sieben Juroren (darunter die italienische Schauspielerin Valeria Golino) den Preis für den besten Darsteller an den Italiener Silvio Orlando für die Rolle in "Il pap di Giovanna" von Pupi Avati. Als Ersatz dafür, dass keiner der vier italienischen Filme richtig überzeugen konnte und um Entrüstung im Gastgeberland zu vermeiden? Die römische "La Repubblica" hatte noch diese Erklärung: So sei auch vermieden worden, dass La Medusa, die zum Medienimperium von Ministerpräsident Silvio Berlusconi gehörende Produktionsgesellschaft des Films, "das Kriegsbeil ausgräbt".

"Für den Rest meines Lebens werde ich keiner Jury mehr angehören wollen", lautete das Fazit des genervten deutschen Regisseurs Wim Wenders nach dem Gerangel in der Jury. Dabei trafen die Juroren von Venedig alles in allem eine durchaus gute Wahl. Dafür steht zum einen, dass der frische, stilistisch glänzende russische Streifen "Papiersoldat" von Alexej German Jr. den Silbernen Löwen für die beste Regie und den Kamera-Preis bekam. Und auch das eindringliche Äthiopien-Epos "Teza" von Haile Gerima, in ebenso schönen wie brutalen Bildern aus dem zerrissenen afrikanischen Land schwelgend, räumte mit Fug und Recht zweimal ab, den Spezialpreis der Jury und den Drehbuchpreis. "Teza" war eine von drei deutschen Koproduktionen im Wettbewerb.

In den Turbulenzen ging fast unter, dass das Preisgremium um Wenders den deutschen Regisseur Werner Schroeter mit einem Spezial-Löwen für sein Gesamtwerk bedachte. Schroeter (63) hatte (als Koproduktion) das pathetische Bürgerkriegsmelodram "Nuit de Chien" im Wettbewerb, das zurückhaltend aufgenommen wurde. Keine Chancen hatte "Jerichow" von Christian Petzold, der erste deutsche Film im Wettbewerb seit 2004.

Absehbar war, dass der japanische Altmeister Hayao Miyazaki, dessen Animationsfilm "Ponyo on the Cliff by the Sea" Kritiker wie Publikum verzauberte, bei der Preisverleihung leer ausgehen würde - Miyazaki hatte bereits vor drei Jahren am Lido einen Goldenen Löwen für sein Gesamtwerk empfangen. Dominique Blanc zog die Jury als beste Darstellerin in dem französischen "L'Autre" den glänzenden Leistungen von Anne Hathaway, Kim Basinger und auch Charlize Theron vor. Unberücksichtigt blieben preisverdächtige Streifen wie Kathryn Bigelows "Hurt Locker", Jonathan Demmes "Rachel Getting Married" oder auch "The Burning Plain" des Mexikaners Guillermo Arriaga.

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