Das Grauen als Fleck

- Kaum zu glauben, dass ein Wasserfleck an der Decke einer schäbigen Wohnung so viel Spannung und Angst erzeugen kann. Aber "Dark Water" braucht tatsächlich weder Monster noch Spezialeffekte, um die Protagonisten in den Wahnsinn zu treiben und das Publikum nachhaltig zu erschrecken.

Um es vorweg zu nehmen: Dies ist ein in jeder Hinsicht überraschender Film - und ein grandioser. Horror, der mit einem Minimum an oberflächlichen Schockeffekten auskommt und als Musterbeispiel für intelligentes Kino dienen kann, zu denen das Studiosystem in Hollywood dann doch noch imstande ist.

Die Rahmenbedingungen sind freilich exotisch. Der mehrfach preisgekrönte brasilianische Regisseur Walter Salles ("Die Reise des jungen Che") inszeniert in den USA das Remake eines Werks von Japans Gruselmeister Hideo Nakata. Verblüffend ist, dass sich diese Kombination als ideal erweist. Salles reichert die metaphysische Vorlage aus Japan mit surrealen Elementen an, die seinem südamerikanischen Hintergrund geschuldet sind und erzählt die Geschichte dennoch erdverbundener als das Original.

Diese Geschichte ist so schlicht wie packend. Die alleinstehende Mutter Dahlia (Jennifer Connelly) bezieht mit ihrer Tochter Cecilia (Ariel Gade) eine billige Wohnung in einem heruntergekommenen Hochhauskomplex am Rande New Yorks. Eine bessere Wohnung kann sie sich nach der Trennung von ihrem Mann nicht leisten. Und um das Sorgerecht für ihre Tochter zu bekommen, muss sie einen eigenen Wohnsitz vorweisen, egal, wie unwohl sie sich darin fühlt.

Diese Situation verstärkt sich noch, und es dauert nicht lange, bis die emotional ohnehin labile Dahlia Geräusche hört, merkwürdige Dinge zu zu erkennen glaubt und sich von dem stetig wachsenden Wasserfleck an der Decke bedroht sieht. Bald weitet sich das zur Hysterie aus, die sie weiter isoliert.

Der zynische Manager des Gebäudes, der undurchsichtige Hausmeister und selbst ihr beflissener Scheidungsanwalt werden von der verunsicherten und überforderten jungen Frau als Gefahr wahrgenommen, weil sie ihre Angst vor der eigenen Wohnung nicht nachvollziehen können.

John C. Reilly, Pete Postlethwaite und Tim Roth nutzen diese Gastauftritte zu furiosen Vorstellungen, und Walter Salles findet die passenden Bilder, um das Grauen einzufangen. Die trostlose Atmosphäre der Betonburgen, der düstere Alltag und die allgegenwärtige Gleichgültigkeit sind die eigentlichen Quellen des Schreckens. Die übernatürliche Bedrohung erscheint da lediglich als Manifestation einer unmenschlichen Gesellschaft, die einen in derartige Verhältnisse zwingt.

Bei aller Virtuosität von Salles ist es Jennifer Connelly, die "Dark Water" sowohl als Familiendrama als auch als Psychothriller funktionieren lässt. Als orientierungslose Frau, die keinen Halt, keinen Fluchtpunkt hat, überzeugt sie. Souverän, mit präziser Zurückhaltung spielt sie diese verzweifelte Mutter, die ihrer Tochter um jeden Preis jene Wärme geben möchte, die sie selber so schmerzlich vermisst und dabei jeden Bezug zur Realität verliert. Ohne Connelly wäre der Film ein atmosphärisch stimmiger Thriller, mit ihr ist er ein Meisterwerk.

(In München: Mathäser, Royal, Münchner Freiheit, Autokino, Cinema i.O.)

"Dark Water"

mit Jennifer Connelly, Ariel Gade

Regie: Walter Salles

Hervorragend

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