Das Grauen im Kopf

- Man will das nicht sehen. Man will diese Geschichten nicht hören, die da erzählt werden. Eigentlich. Und andererseits ist es wichtig, dass man genau diesen Kindern zuhört, wenn sie von ihren schrecklichen Erlebnissen berichten.

Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz packen mit ihrer eindringlichen Dokumentation "Lost Children" ein überaus heißes Eisen an. Sie porträtieren vier junge Menschen zwischen acht und achtzehn Jahren, die in Nord-Uganda zu Kindersoldaten abgerichtet wurden und den Rebellen der bigotten Lords Resistance Army (LRA) im nunmehr über 20 Jahre währenden Bürgerkrieg als billige und willige, manipulierbare Killermaschinen dienten. Bis sie entkommen konnten und nun in einem Heim für traumatisierte Kinder leben.

Was Jennifer, Kilama, Opio und Francis erzählen von ihren Kampfeinsätzen im Namen von Jesus Christus, das verursacht sogar beim Zuschauer noch schlaflose Nächte: Von unzähligen Morden mit Machete, Messer oder Gewehr ist da die Rede, von Vergewaltigungen, Zerstückelungen und Kannibalismus.

Unbewegt bleiben die Gesichter der Kinder, wenn sie den beiden Filmemachern und der Dolmetscherin von ihren Erlebnissen in der LRA berichten. Nur manchmal werden die sanften Kinderstimmen leiser. Hin und wieder trübt sich der Blick. Man kann es nur erahnen, wie die Kleinen, die in einer gerechten Welt auf einer Schulbank sitzen sollten, irgendwann einmal mit diesen monströsen Taten fertig werden können. Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz erliegen nicht der Versuchung, mit drastischen Bildern der erwähnten Gemetzel Eindruck erzielen zu wollen.

Ganz leise ist ihr Film, ehrlich ungeschminkt erscheinen die Bilder. Mal ist eine Schussverletzung an einem Kinderkörper zu sehen, mal eine wulstige Narbe oder ein fehlendes Bein. Doch die Eindrücke, die einen nicht mehr loslassen werden nach dem Film, wurden gar nicht gezeigt. Das eigentliche Grauen, das hinter scheinbar harmlosen Szenen auf staubigen Straßen steht, spielt sich nämlich ausschließlich im Kopf des Betrachters ab.

(In München: Isabella.)

"Lost Children"

Dokumentarfilm

Regie:Ali Samadi Ahadi

und Oliver Stoltz

Sehenswert

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