Der Greif und das Grauen

- "Einige Leute im Ministerium haben sehr auf mich eingewirkt, dass ich dir das vorenthalte, was ich dir jetzt enthülle", flüstert Mr. Weasly und zieht Harry Potter am Arm auf die Seite. "Sirus Black, der entflohene Gefangene von Askaban, ist hinter dir her und will dich töten. Versprich mir, dass du ihn nicht suchen wirst." - "Wieso sollte ich versuchen, jemanden zu finden, der mich töten will?", fragt Harry, und ehe Weasly noch etwas auf diesen vernünftigen Einwand entgegnen kann, ist die Szene schon abgeblendet. Harry wird fast den ganzen Film lang brauchen, um herauszufinden, was es mit seinem geheimnisvollen Patenonkel Sirius auf sich hat. Potter-Fans wissen es schon längst - sind sie doch der Verfilmung zwei gedruckte Bücher voraus.

<P>Der dritte Teil der Harry-Potter-Filme hält im Prinzip, was die spannende literarische Vorlage - das bislang beste Buch der Reihe - verspricht. Allerdings ist der Film wesentlich schärfer auf Harry, Sirius und den Hippogreif Seidenschnabel zugeschnitten. Der unausstehliche Professor Snape hat nur zwei Szenen, Professor McGonagall gar keine eigene, Direktor Dumbledore eine Nebenrolle, die Weasly-Zwillinge nur einen einzigen Auftritt, und Percy, der Vorzugsschüler und Gschaftlhuber, kommt nur zur Wiedererkennung vor. Die Zuschauer sollen sich an ihn erinnern - sein Erscheinen macht einen Teil der Stimmung des Films aus. Auch die Quiddich-Fans werden in dem neuesten "Harry Potter" nur am Rande bedient, und der Reit-Besen "Feuerblitz", den Harry im Buch zu Weihnachten bekommt, trifft erst am Ende des Films ein - ein anonymes Geschenk nur mit einer Feder von Seidenschnabel als Hinweis auf den edlen Spender.<BR><BR>Diese Streichungen straffen die Geschichte erheblich und sorgen für Tempo beim Erzählen. Dennoch: Geschludert wurde nicht, im Gegenteil. Die einzelnen Szenen sind sehr sorgfältig zusammengestellt. Der Anfang - Harry bei den Dursleys - erinnert sehr an britische Comedy vom Feinsten. Herrlich, wie die Kamera ganz nahe an die verfetteten Gesichter von Onkel, Tante und Vetter heranfährt und die Münder zeigt, wie sie hässliche Dinge über Harrys Eltern sagen. Ein toller Trick, wenn die Tante sich per Computeranimation aufbläht und einer Figur des Malers Fernando Botero ähnlich sieht und nicht nur - wie in der literarischen Vorlage - unter der Wohnzimmerdecke schwebt, sondern durch den Wintergarten ins Freie fliegt und wie ein riesiger Heißluftballon im blauen Himmel verschwindet.<BR><BR>Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuaró´n unterlegte diese Familiensatire aus der britischen Bürgerlichkeit gelblich, um dann beim Auftreten der Dementoren im Zug mit Blaufilm zu arbeiten. Nach allen Regeln der Kunst - Musikwechsel, Lichtausfall, Bläue und nicht zuletzt das Gefrieren zu Eis - wird hier Angst erzeugt: Die Dementoren selbst - eigentlich die Wachmannschaft von Askaban - können nicht zwischen Unschuldigen und Schuldigen unterscheiden und sind somit für jedermann gleich gefährlich. Der Film hat ihr Bild mit dem Computer erzeugt: Luftige, schwarze, gefranste Tücher verbergen jene fliegenden Ungeheuer, vor denen Harry Potter in Ohnmacht fällt und deren Gesicht nur an einer einzigen Stelle teilweise ahnbar wird, als drohend bezahnter unendlicher Schlund in der Art des Schockers "Die Mumie". Ein Bild, das die FSK-Freigabe für Kinder auf 14 Jahre erhöhen sollte. Auch anderes ist Furcht einflößend. <BR><BR>Hässlicher Werwolf</P><P>Während der Hippogreif gut gelang, da er bekannten Tieren (Pferd und Geier) ähnlich ist, bietet der Werwolf ein ausgesprochen hässliches Aussehen: eine Art Tyrannosaurus ohne Panzer mit Menschenhaut. Der arme verwandelte Professor Lupin wirkt im Film wie aus "Jurassic Park" entsprungen.<BR><BR>Trotz dieser Entgleisung ins Grusel- und Sauriergenre ist dem Regisseur Cuaró´n (er löste Chris Columbus ab, der jetzt als Produzent auftritt) ein wunderschönes, auch für Neulinge gut verständliches Meisterwerk gelungen, das Lust auf mehr macht: mehr Buch, mehr Film, noch mehr Geschichten. Gewähr dafür sind die Schauspieler: Allen voran der wunderbare Daniel Radcliffe, der die zunehmend angestaute Wut in Harry mit dem unbedachten kampfgierigen Mut eines Heranwachsenden nach außen lässt und die entschlossene Pose eines erwachsenen Mannes einübt. Unterstützt wird er von Rupert Grint (Ron) und Emma Watson (Hermine) die beide mitten in der Pubertät stecken und die sich in ihrer gemeinsamen Sorge um Harry für wenige kostbare Augenblicke in den Armen liegen, um sich gleich danach wieder feindselig anzugiften und aus dem Weg zu gehen.<BR><BR>All dies wird unterstützt von einer Garde alt bekannter und neu hinzugekommener erwachsener Schauspieler - für ihre Rollen die Crè`me de la Crè`me des englischsprachigen Angebots: Das alles macht den Film zu einem "must" für die Fans und zu einem hervorragenden Einstieg für die Neulinge - aber nicht für zu kleine Kinder. </P><P>(In München: Mathäser, Maxx, Royal, Gloria, Cadillac, Rio, Rex, Autokino, Cinema, Sendlinger Tor, Museum, Gabriel.)</P><P><BR>"Harry Potter und der Gefangene von Askaban"<BR>mit Daniel Radcliffe, Emma Watson, Gary Oldman<BR>Regie: Alfonso Cuarón<BR>Hervorragend </P><P><BR> </P>

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