An der Grenze

- Im Kino ist man, was die Varianten der Liebe angeht, einiges gewohnt ­ so glaubt man zumindest. Es gehört zu den Qualitäten von "Verfolgt", dass dieser Film deutlich macht, welche offenen wie unausgesprochenen Grenzen aber immer noch existieren. Er erzählt von der Beziehung zwischen einer 50-jährigen Frau und einem 16-jährigen Jüngling. Das sprengt den Konsens, erst recht, weil die Frau namens Elsa Seifert glücklich, wenn auch etwas gelangweilt verheiratet ist, weil sie Sozialarbeiterin und er ihr Schützling, ein straffällig gewordener Jugendlicher, ist. Und weil die Neigung auch noch sadomasochistische Züge bekommt.

Der Film der deutschen Regisseurin Angelina Maccarone dreht den Spieß des auch im Kino sattsam ausgereizten Geschlechterkampfes einmal um. Maren Kroymann, die man viel zu wenig auf der Leinwand sieht, spielt die Frau, die ein Verhältnis mit dem jungen Burschen beginnt. Maccarone zeigt frei von Voyeurismus verletzliche, einsame Figuren ­ und sexuelle Passion. Beides sind wichtige, länger nicht gesehene Themen im deutschen Kino, derer sie sich mit Sensibilität annimmt.

Die Sexszenen sind überaus diskret gedreht. Weitaus weniger als etwa Patrice Chéreaus "Intimacy" interessiert sich "Verfolgt" für Körperlichkeit und visuelles Neuland. Im Zentrum stehen vielmehr die Intimität der Seelen, die moralische Frage des Sex‘ mit Abhängigen und Schutzbefohlenen und die Identitätsprobleme der Hauptfigur Elsa. Denn diese kühle, rationale Frau lernt eine andere Seite an sich selbst kennen, und diese Erfahrung erschüttert sie zutiefst. Hinzu kommt das Motiv des Sadomasochismus, das selbst in anspruchvollen Filmen eher sensationslüstern dargestellt wurde. Aber es ist als gesellschaftliches Phänomen weiter verbreitet, als es manchen Moralwächtern lieb ist.

Was man Maccarone vorwerfen muss, ist, dass sie ihren Film thematisch überfrachtet hat und er dadurch mitunter schwerblütig wirkt, auch zum Thesenfilm gerinnt. Dass der Film in Schwarzweiß gehalten ist, betont in diesem Fall seine Künstlichkeit. Maren Kroymanns nuanciertes Spiel macht aber vieles wett. Ihr Bestehen auf Niveau, darauf, dem Zuschauer nicht alles mundgerecht zu präsentieren, ist Maccarone zugute zu halten. Eine ungewöhnliche Arbeit von einer vielversprechenden Filmemacherin, die zu Recht im August ‘06 den Goldenen Leopard von Locarno gewann. (Ab morgen in München: Atelier, Arena.)

"Verfolgt"

mit Maren Kroymann, Kostja

Ullmann, Moritz Grove

Regie: Angelina Maccarone

Sehenswert

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