An der Grenze zur Hysterie

- Erst war sie die deutsche Hausfrau während des Zweiten Weltkriegs ("Aimée und Jaguar"), dann die zur Auswanderung gezwungene Jüdin ("Nirgendwo in Afrika"). In "Der Untergang", dem Film von Oliver Hirschbiegel und Bernd Eichinger, spielt sie jetzt Eva Braun, die Lebensgefährtin von Adolf Hitler. Juliane Köhler betrachtet alle diese Rollen als eine Art Trilogie.

<P>Regisseur Hirschbiegel spricht im Zusammenhang mit "Der Untergang" gerne von Wahrhaftigkeit, davon, dass die Grenze zwischen Schauspieler und Figur möglichst gering sein sollte. Wie nah sind Sie an Eva Braun herangekommen?<BR><BR>Köhler: Hirschbiegel wollte, dass ich ihre Zerrissenheit heraushebe. Wir haben sie gespielt als eine hochsensible, bis an die Grenze des Hysterischen gehende Person. Man weiß, dass sie ein sehr labiler Mensch war, der Halt gesucht hat und diesen offensichtlich bei Adolf Hitler gefunden hat. Das sollte ich betonen, was eine schwere Aufgabe war. Um an die Figur ranzukommen, muss man sie verstehen und auch rechtfertigen. Beim Spielen darf man sie auf keinen Fall die ganze Zeit beurteilen, darf nicht sagen, sie war eine blöde Kuh, sie hätte das alles verhindern können.<BR><BR>Was hat denn die Attraktivität Hitlers ausgemacht, warum schwärmten so viele Frauen für ihn?<BR><BR>Köhler: Das ist mir ein Rätsel. Sowohl die Faszination, die er auf Eva Braun ausgeübt hat als auch auf das Volk, kann ich mir nicht erklären. Dieses Rätsel wollten wir in dem Film auch nicht lösen. Wir wollten nur zeigen, wie es war, fast dokumentarisch. Seine Faszination ist mir völlig schleierhaft. Ich weiß nur, dass Eva Braun ihm völlig verfallen war und dass sie einen gewissen Geltungsdrang hatte. Sie war eine Frau, die unbedingt in die Öffentlichkeit wollte.<BR><BR>Sie haben gesagt, dass Eva Braun eine moderne Frau für Sie sei. Was ist denn das Moderne an ihr?<BR><BR>Köhler: Mit modern meinte ich, dass sie die einzige ist, die man in die heutige Zeit versetzen könnte. Sie hat gemacht, was sie wollte. Sie war nicht die deutsche Hausfrau, die Hitler sich vorgestellt hatte. Sie hat gerne gefeiert, hat sich ständig umgezogen, hat Mode geliebt. Sie hat sich Hitler untergeordnet, insofern als sie ihm hörig war, aber sonst hat sie ihr eigenes Leben gelebt, hat ihre eigenen Interessen verfolgt. Das konnte die typische deutsche Hausfrau damals wohl nicht.<BR><BR>In ihrer naiven Ungezwungenheit wirkt sie wie ein Fremdkörper in der angespannten Atmosphäre des Films. War das so gedacht gewesen?<BR><BR>Köhler: Ja. So stelle ich sie mir vor. Im Bunker sollte sie ein Fremdkörper sein. Man weiß ja wirklich, dass sie sich ihr Leben - neben dieser Unterordnung - richtig nett gemacht hat. Das finde ich sehr erstaunlich. Vor allem im Bunker ist das eine so absurde Situation. Ich möchte, dass man davon wegkommt, sie als Dummchen zu bezeichnen. Es ist auch erstaunlich, dass sie mit Hitler in den Tod geht, das muss man auch erst einmal hinkriegen.<BR><BR>Hatte sie da wirklich einen eigenen Willen, oder ist sie ganz selbstverständlich einfach mitgekommen?<BR><BR>Köhler: Jeder Mensch hat doch Angst vor dem Tod. So einfach kann das nicht gewesen sein. Die Liebe zu ihm muss sehr groß gewesen sein, so habe ich das zumindest gerechtfertigt. Das finde ich irre, das kann ich mir kaum vorstellen, und davor habe ich auch Hochachtung.</P><P>Das Gespräch führte Ralf Heußinger<BR></P><P> </P>

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