Großer Mann und kleiner Nachruf

"Verstörung - und eine Art von Poesie": - Bernhard Wicki (1919-2000) war ein großer Einzelgänger, der zeitlebens quer zu allen Trends des deutschen Kinos stand. Schon bei seinen Anfängen in den 50er-Jahren verweigerte er sich dem Eskapismus, dem fatalen Hang zur unpolitischen Unterhaltung.

Als Darsteller wurde er mit Rollen bei Helmut Käutner bekannt, dann drehte er zunächst die Restaurations-kritische Dokumentation "Warum sind sie gegen uns?" Es folgte sein Spielfilmdebüt: Der Antikriegsfilm "Die Brücke" traf ins Mark der Gegenwart und zerstörte den Schein des "anständigen" Kriegshandwerks, des "ehrenvollen" Todes fürs Vaterland. Für Wicki war Kino immer Kunst, es hatte herauszufordern und zu verstören. Unterhaltung durfte nie Selbstzweck sein.

Doch auch mit dem Autorenfilm, dem er ästhetisch und politisch näherstand, wurde Wicki nie wirklich warm. Stattdessen drehte er im Ausland, als Darsteller etwa bei Antonioni, als Regisseur in Hollywood. Etwas zu früh, um den Zusammenbruch der Studios und die Freiheit von "New Hollywood" zu erleben, kehrte er nach Deutschland zurück. Es folgten gelegentliche Auftritte, etwa in Fassbinders "Despair", und Regiearbeiten, beidem haftet jedoch neben dem Charisma des Individualisten auch immer etwas Verbittertes an. Wicki spürte wohl, dass er qua seines Temperaments nicht alle Chancen nutzen konnte.

All dies fasst nun der Film "Verstörung - und eine Art von Poesie" kongenial zusammen. In alten Ausschnitten erlebt man Wicki als einen vor Charme sprühenden, sensiblen Macho. Chronologisch aufgebaut bringt der Film vor allem am Anfang viel Neues. Er erzählt von Wickis Liebe zur Literatur und seiner politischen Prägung durch den Schweizer Vater, und von der inneren Distanz zum NS-Staat, verschärft durch einen KZ-Aufenthalt 1939. Dass der Film rundum befriedigt, verhindert die Regisseurin, Wickis Witwe Elisabeth Wicki-Endriss. Ihre Arbeit erinnert an die Lebensbeschreibung eines Heiligen. Zudem ist es ihr nicht gegeben, das ausgebreitete Material zu gewichten oder gar zu Thesen zu bündeln. So sieht man einen distanzlosen, mitunter eitlen Eintopf aus Fakten und Anekdoten. Der pathetische Grundton wird dabei ironischerweise von Wickis eigenen Filmausschnitten am stärksten negiert. Der Kino-Besuch lohnt sich trotzdem, denn glücklicherweise spricht Wickis Kunst für sich. (In München: Abc.)

"Verstörung - und eine Art von Poesie"

von Elisabeth Wicki-Endriss

Sehenswert *****

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