Guter, etwas zu alter Wein

- Mit "L'enfant", einem ebenso emotional zwingenden, wie in seinem "Cinema-verité"-Stil bestechenden, nur scheinbar kleinen Drama um einen jungen Obdachlosen, der zuerst aus Liebe einen schweren Fehler begeht und ihn dann, ebenfalls aus Liebe, wieder gut zu machen sucht, gewinnt das belgische Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne die Goldene Palme von Cannes. Der Preis für die beste Regie geht an Michael Haneke für den Psychothriller "Caché", den etwa gleichwertigen "Großen Preis" gewinnt Jim Jarmush für "Broken Flowers". Den Preis der Jury erhält der Chinese Wang Xiaoshuai für "Shanghai Dreams".

<P>Keine Entdeckungen</P><P>Damit hat die Jury unter ihrem Vorsitzenden Emir Kusturica eine Entscheidung getroffen, die ebenso vorhersehbar und ohne Überraschungen war wie zuvor der gesamte Wettbewerb der 58. Filmfestspiele an der Croisette. Vorausgegangen waren, so konnte man hören, harte Debatten innerhalb einer gespaltenen Jury, der so selbstbewusste Künstler wie die französische Regisseurin Agnes Varda, der Chinese John Woo und der Deutsche Fatih Akin angehörten. Offenbar stritt man um den von manchen als zu kühl und intellektuell empfundenen, von anderen gerade dafür geschätzten Haneke-Film und die warmherzige, aber auch etwas kitschige Jarmush-Komödie und vergab den Hauptpreis am Ende an einen Kompromisskandidaten.<BR><BR>Die Brüder Dardenne muss das nicht stören. Ihr proletarisches Schuld-und-Sühne-Drama ist ein Sieger aus eigenem Recht, der bereits nach seiner Premiere am Dienstag zu den Favoriten gerechnet worden war. Wirklich enttäuschend ist die Entscheidung für Michael Haneke, der in Cannes zwar fast mit jedem seiner Filme einen Preis gewinnt, dem aber auch im neunten Anlauf die Goldene Palme versagt blieb. Auch David Cronenberg, dessen "A History of Violence", einer klugen Dekonstruktion des Thriller-Genres, viele einen Preis gegönnt hätten, und der Mexikaner Carlos Reygadas, dessen provozierender, sperriger "Batalla en el Cielo" zum Skandalfilm dieses Jahres wurde, hatten auf eine Auszeichnung hoffen dürfen.<BR><BR>Zehn Tage sah man zuvor in Cannes einen Wettbewerb, der im Gegensatz zu den letzten "A-Festivals" von Venedig und Berlin kein schwankendes, sondern ein durchweg solides, oft hohes Niveau hatte - aber eben keinen einzigen Film, der wirklich überraschte, kein Werk, das mit ungesehenen Bildern unerwartet bezauberte, keinen Star, der in diesem Jahr geboren wurde. Trotzdem kann kein Festival auch nur annähernd mit ähnlichen Teilnehmern aufwarten: Wim Wenders, Gus Van Sant, Atom Egoyan, Hou Hsio Hsien, Lars von Trier, Johnnie To, Roberto Rodriguez - diese Liste der am Samstag leer Ausgegangenen spiegelt die Stärke wie auch das Dilemma dieses Jahres. Mit allein fünf ehemaligen Siegern und zehn Regisseuren, die schon zuvor im Wettbewerb vertreten waren, wirkte die Auswahl bereits im Vorfeld höchst konservativ. Es war eine Mischung aus Altmeistern und den "üblichen Verdächtigen", in der die Debütanten ebenso unterrepräsentiert waren wie das asiatische Kino.<BR><BR>Beides ist sonderbar, hatte doch Festivalleiter Thierry Fremaux im Vorjahr eine "neue Politik" verkündet, die der Stärke des asiatischen Kinos Rechnung tragen sollte. Außerdem wollte man jene stillschweigende Übereinkunft beenden, nach der alle Regisseure, die einmal in "die Familie" aufgenommen waren, auch im Wettbewerb in Rente gehen dürfen. Da man Fremaux den besten Willen unterstellen darf, beides in die Tat umzusetzen, waren offenbar keine überzeugenderen Filme verfügbar, sodass man sich auf den guten, wenn auch etwas abgestandenen Wein in alten Schläuchen besann. Im Fall des asiatischen Kinos macht Cannes wohl das Werben des Venedig-Chefs Marco Müller zu schaffen, der allerorten laut verkündet, im September den 100. Geburtstags des chinesischen Kinos mit vielen Filmen aus dem Reich der Mitte zu begehen.<BR><BR>Auch wenn man sich darauf freuen darf, gilt aber: Mehr denn je ist Cannes die Nummer eins unter den Filmfestivals der Welt, das beweisen gerade die starken Siegerfilme dieses Jahres. Venedig und Berlin müssen nehmen, was übrig bleibt. </P>  

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