Wut auf die Gutmenschen

- Ein Mann geht durch seine Wohnung und spricht dabei in ein Diktiergerät. 90 Minuten lang. Dass daraus ein fesselnder Spielfilm werden kann, beweist Oliver Hirschbiegel mit dem intelligent zum zeitlosen Monolog umgesetzten Roman von Charles Lewinsky. Ben Becker spielt den in Hamburg lebenden jüdischen Journalisten Emanuel Goldfarb. Der Brief eines Geschichtslehrers, der ihn zum Vortrag vor einer Schulklasse einlädt, bringt Goldfarb erst in Rage, danach in Verlegenheit und schließlich zur Verzweiflung. Was soll er fast Erwachsenen über sein Leben als Jude im Nachkriegsdeutschland erzählen?

Goldfarb reagiert empfindlich, schließlich wollte er sein gesamtes bisheriges Leben nur ein ganz gewöhnlicher Jude sein. Doch das funktioniert ebenso wenig, "wie ein ganz gewöhnliches Spitzmaulnashorn in Afrika" zu sein. "Das ist ein Widerspruch in sich. Man hat uns zu lange gejagt und abgeschossen. Wir sind ein Fall für die Tierschützer geworden." Und für die Gutmenschen, die statt "Jude" zu sagen lieber von einer "fremden Religionsgemeinschaft" faseln und statt Toleranz und Integration nur eine positive Form von Rassismus ausüben. Gegen all diese Zeitgenossen mit ihren Vorurteilen wütet Goldfarb. Derart emotional aufgewühlt beginnt er, einen Brief an den ahnungslosen Lehrer auf ein Tonband zu sprechen. Immer ausufernder wird sein Monolog, und immer mehr von seinem eigenen Leben und der in verschiedenen Konzentrationslagern ermordeten Verwandtschaft gibt er preis.

Schließlich seziert Goldfarb in präzisen Worten nicht nur allgemein die Historie der Juden in Deutschland, sondern auch seine eigene Lebens-, Leidens- und Liebesgeschichte. Ohne weitere Handlung kommt diese berührende und lehrreiche Biografie eines nach 1945 in Deutschland geborenen Juden aus. Das liegt natürlich an Ben Beckers enormer Präsenz, die von Hirschbiegel mitunter aber auch geschickt gezügelt wurde. Überhaupt beweist Hirschbiegel nach seiner Ausstattungsschlacht "Der Untergang" hier wieder einmal, dass ihm die kammerspielartig-minimalistische Form wie in "Mein letzter Film" mit Hannelore Elsner deutlich mehr liegt. Durch elegant und unauffällig in der Wohnung vorgenommene Ortswechsel gelingt es Hirschbiegel, immer neue Räume und Stimmungen zu schaffen für sein Ein-Personen-Melodram.

Dass "Ein ganz gewöhnlicher Jude" zu einer allgemeingültigen Auseinandersetzung mit einem derart komplexen Thema wird, ist letztlich aber vor allem dem klugen, bis in den kleinsten Nebensatz ausgefeilten Drehbuch zu verdanken.

"Ein ganz  gewöhnlicher Jude"

mit Ben Becker

Regie: Oliver Hirschbiegel

Sehenswert

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