Da habe ich meine Zweifel

- Seit den 50er-Jahren gehört Mario Adorf zu den gefragtesten deutschen Kinostars. Nach seinem gefeierten Auftritt als Serienmörder in Robert Siodmaks "Nachts, wenn der Teufel kam" (1957) galt Adorf lange Jahre als Bösewicht. Später entdeckte ihn der Neue Deutsche Film, und schließlich wurde er zum Liebling des TV-Publikums. Nun ist er im Kino in "Epsteins Nacht" zu sehen.

<P>Sie haben in Ihrer Karriere alles erreicht. Haben Sie noch einen Wunsch? <BR><BR>Adorf: Einen präzisen Wunsch gibt es nicht. Weder der Oscar, noch der Iffland-Ring sind in meiner Planung. Es gibt so ein Theaterklischee: Ich will unbedingt noch den Lear spielen. Das möchte ich nicht bedienen. <BR><BR>Spüren Sie mit zunehmendem Alter ein Abnehmen der Kräfte? <BR><BR>Adorf: Was man merkt, ist, dass die Fitness langsam abnimmt. Neulich habe ich mich am Muskel verletzt, das ist mir früher nicht passiert. Im Kopf merke ich Gott sei Dank keine Defizite. Das Gedächtnis funktioniert. Die langen Texte am Theater sind für mich aber immer schwierig gewesen. <BR><BR>Sind Sie ein eher schüchterner Mensch? <BR><BR>Adorf: Schauspieler sind immer eher schüchtern. Wer sich ungehemmt produzieren kann, diese Partyunterhalter, bei denen man sagt: ein geborener Schauspieler, die sind es nicht; sondern diejenigen, die Hemmungen haben und sie überwinden. Das ist auch das, was das Publikum spürt. <BR><BR>"Epsteins Nacht" ist eine Geschichte über Freundschaft und Verrat. Konnten Sie sich damit identifizieren? <BR><BR>Adorf: Mir ist die Bedeutung von Freundschaft spät bewusst geworden. Ich habe wenige Freunde. Freundschaft muss man leben, immer wieder pflegen, aufrecht erhalten. Dazu hatte ich keine Zeit. In meiner Schulklasse gibt es fünf, sechs Kameraden, die sich ihr Leben lang getroffen haben zum Wandern, Segeln, eine ganz enge Freundschaft erhielten. Ich habe sie immer etwas beneidet, bedauert, dass es mir nicht gegeben war. Ich bin eigentlich ein freundschaftsgeschädigter Mensch. Ich muss auch sagen, dass ich die Freundschaft zu Männern weniger gesucht habe als die zu Frauen. Ich habe bei Frauen nicht immer das erotische Abenteuer gesucht, sondern auch die freundschaftliche Beziehung: Weil sie besser zuhören können, weil sie nicht so ausschließlich mit ihrem Beruf und eigenen Problemen befasst sind. Ich bin eher ein Frauen-Mann, kein Kumpel. <BR><BR>Ihnen liegen heute noch die Frauen zu Füßen. <BR><BR>Adorf: Ich war nie auf Eroberung aus. Ich habe die Frauen eher auf mich zukommen lassen. Wahrscheinlich auch aus Angst. Erobern und Unterwerfen sind Dinge, die mir nicht liegen. Macho war ich vielleicht in jungen Jahren.<BR><BR>Das Filmgeschäft ist eigentlich ein Männerbusiness. <BR><BR>Adorf: Das mag so sein. Aber ich habe nie zu einer Männerclique gehört. Ich bin auch etwas ratlos, warum ein Mann, den ich überaus schätze, Helmut Dietl, ein witziger Mann, diese merkwürdige Gewohnheit pflegt, jeden Abend mit den gleichen Leuten im gleichen Lokal zu sitzen, am gleichen Tisch, mit dem gleichen Essen und dem gleichen Wein - das wundert mich.<BR><BR>Was hat Sie an der Rolle in "Epsteins Nacht" gereizt? <BR><BR>Adorf: Geschichte und Figur haben mit mir persönlich sehr wenig zu tun. Dieser Epstein ist ja eine merkwürdige Mischung: scheinbar primitiv, Schrotthändler, physisch stark. Weil er ein Schicksal hat, ist er interessant: Schuld, ein Verrat am Freund, der vielleicht unvermeidlich war. Ein Trauma. Gefährlicher für den Stoff ist der kriminalistische Teil. Man fragt sich: Ist das möglich? Anfänglich hatte ich Hemmungen. Man kann sich sofort für einen Schindler interessieren, während ich hier doch die Angst hatte, dass es nicht genau stimmt. <BR><BR>Haben Sie sich beraten, zum Beispiel mit jüdischen Freunden? <BR><BR>Adorf: Ja. Eine Freundin war nicht ganz ohne Vorbehalte. Ich habe einige Vorbehalte gegenüber diesen Rückblenden, sie scheinen mir zu explizit. Ich hätte mir Erinnerungsblitze gewünscht. Nicht so ausgestellt - ist mir auch ein bisschen peinlich. <BR><BR>Auch die Gespräche der Freunde, zum Teil im jiddischen Tonfall, scheinen problematisch. <BR><BR>Adorf: Da habe ich auch meine Zweifel; wenn sich diese alten Juden unterhalten. Nun bin ich nicht der Regisseur, obwohl ich ins Drehbuch schon stellenweise eingegriffen habe. Manches gefällt mir dann wieder sehr. Diese Blicke durchs Fenster, die Bilder sagen mehr über Freundschaft aus als der Text. <BR></P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland </P><P>- zum Film: "Epsteins Nacht" </P>

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