Sie haben keine Chance und nutzen sie

- Maggy (Kim Schnitzer) ist erst 18 und wohnt in der Großstadt Berlin. Seit ein paar Monaten ist sie Mutter. Atmosphärisch dicht entwirft Regisseur Henner Winckler ("Klassenfahrt") ein Porträt ihres Lebens: Maggy übernimmt Verantwortung für ihr Baby, aber ausgehen will sie natürlich trotzdem ganz gern.

Der Kindsvater hat sich erstmal entzogen, schaut nur gelegentlich vorbei, und Maggys Mama, die sich häufig um Enkelin Lucy kümmert, ist selbst zu jung, um sich mit der Rolle der einspringenden Großmutter abzufinden. Manchmal besucht Maggy mit ihrem Kinderwagen, den sie als schwere Last über die Treppen wuchtet, ihre ehemaligen Klassenkameradinnen, um mit ihnen in der Pause zu schwatzen. Doch Kinderwagenschieben ist einfach uncool, und rasch klingelt es wieder zum Unterricht. Maggy ist wieder allein.

Auf der Suche nach kleinen Fluchten

Irgendetwas muss das Leben ihr doch noch zu bieten haben, abseits der Verantwortung fürs Baby. Irgendwann hat Maggy dann auch noch einen neuen Freund, und ihr Leben wird immer komplizierter. "Lucy" ist ein realitätsnaher Film, stilistisch angelehnt an französisches Kino, etwa das von Rohmer und den belgischen Brüdern Dardenne ("L'Enfant"). Winckler, der an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studierte und seit zwei Jahren als künstlerischer Mitarbeiter an der Potsdamer Filmhochschule Konrad Wolf arbeitet, zeigt: Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Aber man kann es doch aushalten - mit viel Geduld und Spucke kleine Fluchten erkämpfen.

Neorealismus aus Deutschland. Eine Geschichte aus dem Milieu derjenigen, die eigentlich keine Chance haben und sie doch nutzen. Filme wie dieser sehen und hören dem Leben zu. Darum reden die Menschen auch keine vollständigen Sätze wie die kandierten Proletarier in Arbeiterstücken, sondern eher wie bei Brecht in losen, abgehackten Satzteilen. Winckler interessiert sich für Körpersprache: die Unbeholfenheit der Gesten, die verstockte Hilflosigkeit, die Einsamkeit unter Menschen. Die Räume dieser Welt sind eng, und sie überfordern die Menschen. Der Film fasziniert durch die Sicherheit und Vertrautheit, mit der Winckler auf die Jugendlichen blickt und die feinen Unterschiede in ihrer Sprache und ihren Bewegungen bemerkt.

"Lucy" erzählt davon, was jungen Frauen so passieren kann, ganz alltäglich, lakonisch und eindringlich: Wie zeigt man, was ist, ohne zu lügen? (Ab morgen in München: Atelier.)

"Lucy"

mit Kim Schnitzer, Gordon Schmidt, Feo Aladag

Regie: Henner Winckler

Hervorragend  *****

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