Die heile Welt des Todes

- Eine Schreibende, eine Lesende, eine Agierende. 1923 arbeitet Virginia Woolf in ländlicher Britannien-Idylle an einem ihrer berühmtesten Romane, an "Mrs Dalloway". 1952 liest Laura Brown dieses Werk in der sterilen USA-Idylle Los Angeles. 2001 arrangiert Clarissa Vaughan, Spitzname Mrs. Dalloway, in der Intellektuellen-Idylle New Yorks eine Party für ihren gerade preisgekrönten Schriftsteller-Freund Richard. Aber: "Der Tod ist eine Möglichkeit", wie Virginia feststellt.

<P>In all dieser Schönheit des Geistes, in dieser gepflegten Lebenssattheit, in all diesen heilen Welten sind als Hintergrundfolie Verfall, Krankheit, Selbstmord, Tod stets vorhanden. Selbst der ist oft so symbolistisch-schön wie der Fluss, in dem sich die Woolf ertränkt, schön, obwohl Richards Leib von Aids zerfressen ist.</P><P align=right></P><P>Richard Cunningham hatte vor zwei Jahren seinen bemerkenswerten Roman "Die Stunden" (Luchterhand Verlag, München) vorgelegt. Feinsinnig hat er die Schicksale dieser drei Frauen zu einem komplexen Text verzahnt. Der Engländer Stephen Daldry ("Billy Elliot - I Will Dance") wagte sich an das schwierige und absolut nicht hollywood-like Verfilmungs-Unternehmen. Immerhin unterstützt von so glänzenden Schauspielerinnen wie Meryl Streep (Clarissa), Julianne Moore (Laura) und Nicole Kidman (Virginia). </P><P>Ein Film über Frauen also, neben denen Männer lediglich als nette Kerle oder aber als Störfaktoren existieren. So haben Ed Harris (Richard), John C. Reilly (Brown) und Stephen Dillane (Woolf) denn auch schauspielerisch wenig zu melden - außer Jack Rovello, der kleine Richard: wie sich in seinen Augen die unbedingte Liebe zu seiner Mutter Laura spiegelt - und das Wissen, sie wird mich verlassen . . .<BR><BR>Daldry lässt in rasanter Folge von Szenenschnipseln diese Frauen und einen Tag aus ihrem Leben starten. Reizt die Zuschaueraufmerksamkeit ziemlich aus, bevor der Rhythmus entspannter, erzählerischer wird. Der Regisseur stellt dennoch nie "bauliche" Finessen aus (wie es der Roman gern tut), er macht jedoch klugerweise eine gewisse Künstlichkeit bewusst. </P><P>Ausstattung und die Inszenierung der Bilder vermitteln stets ein kleines Zuviel, das Distanz herstellt. Nur ein einziges Mal erlaubt sich Stephen Daldry, der mit Philip Glass' platter Musik kein Glück hatte, einen visuellen Knaller. Laura liegt mit dem "Dalloway"-Roman und sehr vielen Tablettenfläschchen auf einem Hotelbett. </P><P>Blick von oben auf Karreé mit Frau. Flusswasser schießt samt Algen und Tang unter der Liege hervor, quillt rasend schnell hoch, Laura bedrohend. Und verschwindet genauso blitzartig wieder: Die Frau bringt sich nicht um.<BR><BR>Julianne Moore gestaltet diese Hausfrau und Mutter intensiv. Hinter der Maske der wunderschönen, angepassten 50er-Jahre-Frau spürt man das willensstarke, zugleich auch verzweifelte Wesen, das alle Bindungen zerreißen muss. Ähnlich legt Nicole Kidman, die für diese Rolle mit dem Oscar geehrt wurde, Virginia Woolf an. Mit vergrößerter Nase, die ihr gewissermaßen schauspielerisch Profil gibt, schildert sie vor allem die Nervenkranke. Eiserne Kraft treibt sie zur Arbeit - und aus dem Leben. </P><P>Das Genie Virginia Woolf, die Einmaligkeit dieser Künstlerpersönlichkeit, findet man bei Kidman nicht. Eine Leistung voll schauspielerischer und menschlicher Reife aber bietet Meryl Streep. Sie meistert den schwersten Part, den der scheinbar so nichts sagenden, ja oberflächlichen Clarissa/Mrs. Dalloway, facettenreich, flirrend, flatterhaft und leidenstief. Hier berühren sich die Meisterschaft einer Schauspielerin und einer Schriftstellerin. </P><P>(In München: Leopold, City, Atlantis und Cinema i. O.)</P><P><BR>"The Hours"<BR>mit Meryl Streep, Nicole Kidman, Julianne Moore<BR>Regie: Stephen Daldry<BR>Hervorragend  </P>

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