Heilige des Alltags

- "Runterschlucken, einfach nur runterschlucken", sagt der Mann. Fast 60 kleine Gummiwürstchen sind es, die Maria verdrückt, ein junges, unschuldig aussehendes Mädchen. Die 17-jährige Maria (Catalina Sandino Moreno) ist schwanger von einem aus dem Dorf, den sie nicht liebt, und arbeitet in einer Blumenfabrik im kolumbianischen Bogota. Geld verdient man dort mit anderem, Drogen vor allem. Darum sind die Gummiwürste, mit denen sie für 5000 Dollar nach New York fliegt, mit Kokain gefüllt. Platzt eines in ihrem Magen, ist sie tot. Wird sie erwischt, ist sie die Dumme.

<P>Eine einfache, unspektakuläre, sehr glaubwürdige Geschichte. Joshua Marstons Film "Maria voll der Gnade" erzählt von Maria in der Art eines Entwicklungsromans. Anfangs ist sie abhängig, zunächst von ihrer Familie, die sie ernähren muss, dann von den Drogenschmugglern, die sie missbrauchen und ihr nichts über die Gefahren des Unternehmens sagen, schließlich von den amerikanischen Behörden und den Zuständen in einem unbekannten Land.</P><P>Die Kamera begleitet sie auf ihrem Weg, der - das signalisiert schon der mit Religiösem spielende Titel - ein Weg der Passion ist. Die Kamera ist die Verbündete Marias. Akkurat, geduldig, voller Anteilnahme vollzieht sie - und wir mit ihr - Marias Wege und Entscheidungen nach. Das ist brisant, zugleich nicht ganz unproblematisch, weil die Perspektive immer ganz persönlich bleibt.</P><P>So notieren wir, dass eine Freundin stirbt. So kümmert es uns nicht wirklich, wenn Marias auch weniger hübsche Freundin Blanca wieder ausgewiesen wird. Dass Maria nichts passieren kann, scheint immer klar. Obwohl sie doch nicht ganz so unschuldig ist wie sie tut, bleibt sie dennoch eine Heilige des Alltags.</P><P>Diese Subjektivität unterscheidet Marston vom italienischen Neo-Realismus, an den der Film sonst über weite Strecken erinnert. Auch Ken Loach ist ein unübersehbares Vorbild. Aber ein Rosselini hätte immer darauf geachtet, die einzelnen Personen wieder ins Kollektiv einzugliedern, deutlich zu machen, dass sie nur ein Fallbeispiel sind.</P><P>An der Anteilnahme, die dieser Film geschickt in uns wachruft, an der Schlüssigkeit seiner Inszenierung ändert dieser Einwand nichts. "Maria voll der Gnade" moralisiert nicht, sondern zeigt einen Alltag, der ziemlich gnadenlos ist. </P><P><BR>"Maria voll der Gnade"<BR>mit Catalina Sandino Moreno<BR>Regie: Joshua Marston<BR>Hervorragend </P><P>Geht einen Weg der Passion: Catalina Sandino Moreno als kolumbianische Maria.Foto: ap</P>

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