Die heilige Dose

- Am Anfang war die Spieluhr. Sie ist das letzte Präsent, das der achtjährige Julien von der sterbenden Mutter erhält und gewissermaßen heilig. Die bunt bemalte Blechdose schenkt Julien seiner Freundin Sophie - verbunden mit einer Wette. Wenn sie sich traut, während der Beerdigung von Juliens Mutter am Grab laut "La vie en rose" zu singen, darf sie dieses kostbare Geschenk behalten. Sophie singt und fordert Julien mit einer neuen Mutprobe heraus, sich die Dose zurückzuholen. "Wetten, dass du dich nicht traust, im Wohnzimmer deines Vaters auf den Teppich zu pinkeln?"

<P>Fortan geht die Dose hin und her. Wer sie hat, darf dem anderen eine Aufgabe stellen. Anfangs sind die Prüfungen harmlos: im Bus laut Schimpfwörter aufzählen oder die Lehrerin mit Tinte bespritzen. Die Kinder werden zum unzertrennlichen Paar, und die Blechschachtel ist ihr Fetisch.<BR><BR>Zehn Jahre später müsste eigentlich aus ihnen ein Liebespaar werden. Stattdessen sind die Mutproben ausgefallener, sadistischer geworden. Weder Julien (Guillaume Canet) noch Sophie (Marion Cotillard) merken, dass sie ohne ihr Spiel nicht leben können. Und ohne einander. Die Harmlosigkeit ist zur Obsession geworden und zur Legitimation für eine Rücksichtslosigkeit anderen Menschen gegenüber. Sie trauen sich alles. Nur nicht, einander ihre Liebe zu gestehen.<BR><BR>Regisseur Yann Samuell taucht den Zuschauer in seiner raffinierten Liebeskomödie in ein Wechselbad der Gefühle - ebenso wie seine Protagonisten. Leicht und gekonnt erzählt Samuell seine bizarre Romanze. Nichts erinnert an die lähmende Routine amerikanischer "Romantic Comedies", in denen schon am Anfang das Happy End zu erahnen ist. Samuell spielt vielmehr mit den Versatzstücken dieser klassischen Schmachtfetzen und bricht sie immer wieder mit Elementen eines anderen Genres, oft genug mit dem des Psycho-Thrillers.<BR>Leidenschaft, Missverständnisse, Streit und Versöhnung - Sophie und Julien praktizieren das, was man unter dem Begriff Liebe zusammenfassen könnte, ohne es zu ahnen. Juliens Erklärung für ihr eigenartiges Zusammenleben ist einfach: "Mit uns Perversen ist es wie mit chinesischem Essen. Wenn man Chinese ist, hat man keine Wahl." Samuell zeigt das Zusammenleben der beiden, das eher an ein Duell als an eine romantische Liaison erinnert, mit manchmal kitschigen, oft grandios stimmungsvollen und surrealen Bildern. Die Eleganz und Souveränität, mit der Samuell Szenen von mitreißender Magie erschafft, ist für ein Regie-Debüt bemerkenswert.<BR><BR>Vielfach erinnern Samuells Visionen an "Die fabelhafte Welt der Amé´lie". Doch sieht man genauer hin, erkennt man, dass Samuells originelle Einfälle weit über diesen Montmartre-Kitsch hinausgehen und das wirkliche Leben zeigen: kompromisslos, witzig, naiv, berauschend und "besser als Nutella, Kabelfernsehen und Sex". </P><P><BR>"Liebe mich, wenn du dich traust"<BR>mit Guillaume Canet, Marion<BR>Cotillard, Thibault Verhaeghe<BR>Regie: Yann Samuell<BR>Sehenswert </P>

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