Held aller Verlierer

- Es klingt zugegebenermaßen alles ein bisschen erfunden. Aus einem barfüßigen Habenichts aus der Provinz wird einer der größten Stars der populären Musik überhaupt. Auf dem Weg dahin erliegt er all den Versuchungen, die das Musikgeschäft so zu bieten hat. Aber die richtige Frau tritt gerade rechtzeitig auf, um den Mann von seinen inneren Dämonen zu erlösen. Die Sache ist bloß: Die Geschichte ist wahr.

Johnny Cash war dieser Mann, und sein Leben ist ein grandioses amerikanisches Epos, das nach einer Cinemascope-Version geradezu schreit. James Mangold hat das mit "Walk the Line" nun erledigt, und zwar mit der gebührenden Grandezza.

Der Film ist ein wenig altmodisch, unbescheiden und von archaischer Wucht. Genau wie Cash auch, und deswegen passt hier alles. Dramaturgisch geschickt steigt der Film im Moment der Wiedergeburt des Johnny Cash ein. Am 13. Januar 1968 gibt er im Folsom-Gefängnis ein legendäres Konzert, das aus einem verbrauchten Country-Star eine amerikanische Ikone macht - den "Mann in Schwarz", den Helden aller Außenseiter, Verlierer und Sünder. Unmittelbar vor diesem Auftritt, mit dem Cash sich selber neu erfindet, blickt er zurück.

"Walk the Line" widmet sich ausführlich der Jugend Cashs. Vieles wirkt konstruiert, weil es vor religiösen Archetypen nur so wimmelt. Aber Cash selber hat diese Motive immer wieder beschworen, und als bibelfester Christ wird er gewusst haben, welche Assoziationen das hervorruft. Mangold erzählt chronologisch die Saga vom ungeliebten Sohn, der verzweifelt um Liebe und Respekt buhlt, bis er beides im Showgeschäft findet und doch nicht glücklich wird. Die Tatsache, dass diese Geschichte wie ein modernes amerikanisches Märchen klingt, nutzt Mangold, um wie nebenbei ein Sittenporträt der US-Gesellschaft zu zeichnen. Die Gier nach Erfolg, die infantile Vorstellung von Wohlstand als Garant des Glücks, die innere Leere - dafür steht Cashs Weg exemplarisch. Vor allem aber, dass er das erkennt, den Weg zurück zu sich selbst findet und der Liebe vertraut.

Denn "Walk the Line" zelebriert die ungewöhnliche Romanze zwischen dem düsteren Cash und der Sauberfrau June Carter. Dass das funktioniert und mitreißt, liegt entscheidend an den Schauspielern. Joaquin Phoenix zeigt in der Titelrolle eine atemberaubende Vorstellung. Ohne Cash wirklich ähnlich zu sehen, verleibt er sich diesen Mann ein und macht irgendwann vergessen, dass man hier einem Schauspieler zusieht. Er bewegt sich wie Cash, spricht wie er und singt auch so. Im Grunde lässt Phoenix die Grenzen der Schauspielerei hier hinter sich - es handelt sich eher um eine Art Verschmelzung. Reese Witherspoon steht Phoenix in nichts nach. Sie stellt Cashs Schutzengel June Carter mit fröhlicher Verve dar und profitiert sicher davon, selber eine "Southern Belle" zu sein - eine selbstbewusste Südstaatenschönheit. So ist "Walk the Line" nicht nur ein Musik-Epos geworden, sondern vor allem ein Hohes Lied auf die Liebe. Man würde es gern kitschig nennen, aber es ist eben alles wahr . . .

(In München: Mathäser, Maxx, Münchner Freiheit, City, Sendlinger Tor, Atlantis und Cinema i.O.)

"Walk the Line"

mit Joaquin Phoenix, Reese Witherspoon, Robert Patrick

Regie: James Mangold

Hervorragend

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