Helden im Bierdunst

- Über 30 Jahre ist das jetzt her: Da zog sich ein junger Mann mit Schnauzer eine Polizeiuniform an, schulterte eine Filmkamera und zog ab ins kollektive Besäufnis, unter Kennern auch als Oktoberfest bekannt. Herbert Achternbusch hieß der Filmemacher, und sein "Bierkampf" setzte Maßstäbe bezüglich Improvisation und Rauschzustand (auch dem des Regisseurs). Der bildende Künstler und Spielfilm-Debütant Johannes Brunner trat mit seiner Produktion "Oktoberfest" nun in Achternbuschs Fußstapfen.

Wie dieser drehte Brunner live auf der Wiesn, und wie das Vorbild improvisierte Brunner mit seinen Darstellern. Doch im Gegensatz zu Achternbusch, der die Grenzen zur Dokumentation im Alkoholnebel allmählich verschwimmen lässt und mit fortschreitenden Filmminuten die Festbesucher zunehmend beleidigt, hält sich Brunner trotz aller spontanen Arrangements an ein klar vorgegebenes Drehbuch.

Zwei Dutzend Personen stehen im Mittelpunkt von Brunners episodenhaft angelegtem Spielfilm. Eine Kellnerin erkennt, dass ihr Mann sie seit Jahren betrügt. Eine Geisterbahnbesitzerin strampelt mit Tochter und Sohn gegen den drohenden Konkurs an. Ein junger Mann im Rollstuhl traktiert die Wiesnwache mit ständigen Anrufen. Drei Italiener begießen ihren Junggesellenabschied. Ein Mädchen erkennt das wahre Gesicht ihres Vaters. Zwei Hamburgerinnen wollen fesche Bayern kennenlernen und, und, und.

In den meisten Szenen springt der Funke über. Manchmal indes stimmen Timing und Schnitt nicht, die Figuren bleiben seltsam blass. Insgesamt entwirft Brunner jedoch seinen Mikrokosmos mit großer Liebe zum Detail. Am letzten Wiesntag finden und verlieren sich seine stets treffend besetzten Helden, und trotz der Fülle an Personen gelingt es Brunner, dem Zuschauer zu jeder Rolle ein paar Charakterzüge mitzugeben. Das Bemerkenswerteste an "Oktoberfest" sind die sanften, melancholischen Momente, die trotz Hektik und Bier-geschwängerter Dunstglocke gelingen.

(In München: Mathäser, Marmorhaus, Royal, Atelier.)

"Oktoberfest"

mit August Schmölzer, Barbara Rudnik

Regie: Johannes Brunner

Sehenswert

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