Hetzen bis zur Mittagspause

- "Brot und Spiele", also Gladiatorenkämpfe forderte Roms Volk von seinen Kaisern. Und tatsächlich waren öffentliche Versorgung und öffentliche Belustigung auch eng aneinander gebunden. Oft wurden in der Arena Loskugeln ins Publikum geworfen, die den Gewinn eines Stücks Fleisch oder eines Fells von den getöteten Raubtieren versprachen, und immer war der Kaiser - persönlich oder als Statue - bei der Preisausgabe zugegen.

<P>So galt er als Wohltäter, wohl weniger aus Menschenfreundlichkeit, sondern eher, weil ein unzufriedenes Volk einen nicht zu unterschätzenden Unruheherd bedeutete. Auch als Ausrichter, Organisator und Geldgeber der Spiele stand er seinen Untertanen nah. Die Eintrittskarten (nummerierte Plätze mit Bezeichnung der Eingänge) wurden umsonst verteilt. Die Architektur des Amphitheaters garantierte eine nahezu gleich gute Sicht von allen Plätzen, und der Kaiser nahm am Spiel teil.<BR><BR>Der Kaiser fragte das Volk</P><P>Nirgendwo wurde die Einheit zwischen Kaiser und Volk derart heraufbeschworen wie bei den Gladiatorenspielen in der Arena. So beschreibt der Amsterdamer Geschichtsprofessor Fik Meijer die Funktion dieser blutigen Spiele in seinem lesenswerten Sachbuch "Gladiatoren. Das Spiel um Leben und Tod". Kaiser und Volk erlebten dasselbe Schauspiel. Wenn ein Gladiator einen anderen besiegt hatte, sah er zur herrscherlichen Loge hinauf und wartete auf die Entscheidung: Tod oder Leben für den Besiegten. Doch der Kaiser fragte das Volk, und dieses hatte die Macht, seinen Liebling zu retten oder einen ungeliebten Kämpfer zu töten. In der Regel richtete sich der Kaiser nach dem Willen des Volkes, so schrieb "der kleine Mann" dem Herrscher vor, was er zu tun hatte.<BR>In mühevoller Kleinarbeit hat Meijer literarische Quellen, archäologische Funde, Grabstelen, Inschriften und Darstellungen aus der bildenden Kunst zum Thema Gladiatorenspiel zusammengetragen. Er erklärt seine Entwicklung aus den Schaukämpfen zwischen zwei bezahlten Streitern am Grab eines prominenten Verstorbenen bis zu den staatlich organisierten Volksbelustigungen, in denen nichts dem Zufall überlassen blieb.<BR><BR>Am Ende seines Buchs gibt Fik Meijer die übliche Programmfolge eines Spieltags im Kolosseum wieder: Bis Mittag gab es Tierhetzen. Zuerst traten Tiere gegen Tiere, dann Tiere gegen Menschen an (die Tiere hatten keine Chance, auch die siegreichen wurden getötet), in der Mittagspause fanden die Hinrichtungen statt. Um das Publikum dabei nicht zu langweilen, wurden die Verurteilten oft in mythologische Verkleidungen gesteckt und etwa als "Orpheus" von Tieren zerfleischt oder als "Pasiphae" von einem wilden Stier überrannt. Am Nachmittag begannen die Gladiatorenkämpfe. Dass diese den Kaiser mit dem bekannten "Die Todgeweihten grüßen dich" ("Morituri te salutant") angeredet haben sollen, bezeichnet Meijer übrigens als weit verbreiteten Irrtum.<BR><BR>Dieser Ausspruch ist von Sueton nur im Zusammenhang mit einer nachgestellten Seeschlacht überliefert. Kaiser Claudius soll darauf mit "oder nicht" ("aut non") geantwortet haben, was bei den Kämpfern fast zu einer Verweigerung des Dienstes geführt habe, denn diese hätten sich durch diese Erwiderung als begnadigt angesehen. Für Gladiatorenkämpfe aber ist diese Formel nicht belegt.<BR><BR>Meijer untersucht die Belege über Gladiatorenschulen, Gladiatorenmeister, Schiedsrichter, Übungswaffen und scharfe Klingen sowie über die einzelnen Arten der Kämpfer. Schließlich wirft er noch einen Blick auf die weitere Geschichte: Mit der Christianisierung Roms nahmen auch die Gladiatorenkämpfe ab. Interessanterweise sprechen sich die christlichen Schriftsteller nicht gegen Tierhetzen und Hinrichtungen aus, sie kritisieren lediglich die Gladiatorenkämpfe, weil die Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen nur bei Gott, nicht aber bei den Menschen liegen könne. Im Grunde lehnen sie also genau das ab, was Volk und Kaiser so eng aneinander band.<BR>Das Buch schließt mit einem Verweis auf die Filmwelt und beleuchtet die historischen Fehler in den Klassikern "Spartacus" und "Gladiator". Dabei hat Meijer die einzelnen Kapitel nicht mit fremdsprachigen Zitaten oder umfangreichen Quellenangaben belastet, dies verschwindet alles im überaus gelehrten und dementsprechend klein gedruckten Anhang. Die intelligent bebilderte Abhandlung selbst ist flott formuliert und leicht zu lesen.<BR></P><P>Fik Meijer: "Gladiatoren. Das Spiel um Leben und Tod". Artemis & Winkler, München, 228 Seiten; 19,80 Euro.<BR></P><P> </P>

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