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Wünscht sich wieder einen deutschen Pass: Die deutschstämmige Sandra Bullock .

Die Hexe herauslassen

München - Sandra Bullock über „Selbst ist die Braut“, ihre Kindheit in Deutschland und die Angst vor Schönheitsoperationen.

Die traut sich was. Eine Frau, die mit 44 Jahren textilfrei durchs Bild marschiert, muss man in der Filmgeschichte lange suchen. Sandra Bullock , seit dem Actionthriller „Speed“ ein Superstar, hat den Mut, in der romantischen Komödie „Selbst ist die Braut“ eine für Hollywood-Romanzen ungewöhnliche Rolle zu spielen: Verlagsleiterin Margret ist eine nicht mehr ganz junge und nicht besonders sympathische Karrierezicke, die für ihre Aufenthaltsgenehmigung den jahrelang drangsalierten Sekretär heiraten soll.

Sie und Ihr Filmpartner Ryan Reynolds sind splitternackt in einer Szene...

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Ja. Aber für mich bedeutete es nicht, mit einem attraktiven unbekannten Kollegen eine heiße Liebesszene zu drehen. Erstens ist die Szene sehr witzig, außerdem ist Ryan der beste Freund meines Mannes Jesse James. Deswegen war es überhaupt nicht verkrampft. Richtig vorbereiten kann man sich auf solche Szenen ohnehin nicht. Man isst nur in den Wochen vorher keine riesigen Eisportionen mehr, verzichtet auf so wunderbare Dinge wie Eiskaffee und Bratwürste und sieht zu, dass man etwas mehr Zeit im Fitnessstudio verbringt als auf dem Sofa.

Man kennt Sie als sympathische, freundliche Person. Wie sehr mussten Sie sich anstrengen, um die Tyrannin Margret zu werden?

Sandra Bullock in München

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Das war nicht schwierig. Ich tue nur so, als ob ich nett wäre, solange Journalisten anwesend sind. Sobald ich nach Hause komme, bin ich wie immer – wie Margret eben. Mein Mann und meine Stiefkinder können ein Lied davon singen. (Lacht laut.) Nein, es war wirklich einfach, weil jeder von uns diese Hexe in sich hat. Niemand ist immer engelsgleich sanft. Man muss es nur rauslassen. Manchmal ist es nicht verkehrt, das zu tun. Es macht Spaß. Man muss nur wissen, wann Schluss ist.

Margret verliebt sich in ihren Sekretär, einen deutlich jüngeren Mann. Das ist eine Sensation im traditionell ausgerichteten Hollywood-Kino.

Es ist ganz wichtig, dass solche Themen endlich auch in den romantischen Komödien aufgegriffen werden und nicht immer nur Thema eines Problemfilms sind. Zum Glück ist das kein Tabu mehr. Wäre schrecklich. Denn unter uns: Es gibt doch absolut keinen Unterschied zwischen dem jungen und dem älteren Partner an der Seite einer Frau.

Sie müssen’s ja wissen...

Ja. Mein Mann ist ein paar Jahre jünger als ich. Aber letztlich bin ich der Ansicht, dass es nur zwei Leute angeht, was in einer Ehe passiert. Ich will mein Privatleben schützen, und deswegen stellt sich immer wieder die Frage: Warum sollte ich fremden Menschen etwas aus meinem Schlafzimmer erzählen? Ich will keinen Ausverkauf meiner Ehe in den Zeitungen inszenieren.

Erinnern Sie sich gut an Ihre Kindheit in Deutschland und Österreich?

Ja, natürlich. Wir lebten einige Jahre bei meiner Großmutter in Nürnberg , wo auch meine Cousins mit uns zur Schule gingen. In der Zeit, in der meine Mutter (die Opernsängerin Helga Meyer) in Salzburg am Festspielhaus engagiert war, wohnten wir dort. Oder für einige Zeit in Wien . Je nachdem, wo sie auftrat. Mir erschien das vollkommen normal als Kind: Ich ging auf eine deutsche Schule, während wir in Deutschland lebten, und auf eine amerikanische Schule, wenn wir in den USA lebten. Meine Mutter achtete sehr darauf, dass wir immer in der Sprache privat unterrichtet wurden, die gerade nicht die „Schulsprache“ war.

Wenn Sie Deutsch sprechen, klingt das leicht fränkisch.

Ja, das höre ich öfter. Aber ich brauche ein paar Wochen, bis ich wieder fließend Deutsch spreche, wenn ich hier bei meiner Familie bin. Über alles, was mit Film zu tun hat, spreche ich normalerweise auf Englisch. Das kann ich nicht so gut auf Deutsch.

Besitzen Sie eigentlich einen deutschen Pass?

Nein, ich hatte nur bis zum 18. Geburtstag eine doppelte Staatsbürgerschaft. Meine Schwester und ich sind dabei herauszufinden, wie man wieder einen deutschen Pass besitzen kann. Seit dem Tod meiner Mutter treibt mich das Thema wieder stärker um, da ich es als eine Möglichkeit ansehe, die Erinnerung an meine Mutter wachzuhalten.

Haben Sie durch Ihre Jugend in Europa einen anderen Blick auf die USA ?

Sicher. Meine Kindheit hat mir einen anderen Blick auf nahezu alle Dinge des Lebens gebracht. Durch das viele Reisen ist man neugierig auf alles Fremde, und man verliert schon als Kind die Angst vor Unbekanntem. Man kann es sich nicht erlauben, engstirnig zu sein, wenn man neu irgendwo dazukommt. Da muss man offen sein für alles.

Wo wir gerade beim Offen-Sein sind: Jemals an kosmetische Operationen oder Botox gedacht?

Sehe ich so aus? Oh mein Gott! Wissen Sie, ich würde gerne meinen gesamten Körper mit Botox und Lasern behandeln und alles wieder an die Stellen liften lassen, an die bestimmte Dinge gehören. Seit den Dreharbeiten zu „Selbst ist die Braut“ weiß ich dank der Kommentare der Visagistin, dass es angebracht wäre. Aber ich fürchte mich sehr vor diesen ganzen Lasern und Nadeln. Außerdem hat sich meine Mutter nie korrigieren lassen. Keine Frau in meiner ganzen Familie hat sich jemals unters Messer gelegt. Abgesehen davon spiele ich meistens in Komödien mit, und da würde ich nur noch halb so komisch wirken, wenn ich plötzlich mit einem Riesenbusen auftreten würde. Solange ich nach Hause komme und dort jemand auf mich wartet, der mich genau so mag, wie ich bin, fühle ich mich so privilegiert, nichts verändern zu wollen.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

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