Hexenjagd in Schwarz-Weiß

- Vor dem Eröffnungsfeuerwerk am Strand kam das Feuerwerk auf der Leinwand. Zweieinhalb Stunden mit galoppierenden Reitern vor weiten Landschaftspanoramen, spektakulären Schwertkämpfen und großen Gefühlen: "Seven Swords" heißt das packende Actiondrama des 55-jährigen in China sehr bekannten Hongkong-Regisseurs Tsui Hark, mit dem am Mittwochabend die Filmfestspiele von Venedig eröffnet wurden und das im kommenden Januar auch in die deutschen Kinos kommt.

Obwohl Venedig-Chef Marco Müller, übrigens ein Sinologe, damit zum Auftakt ein deutliches Signal in Sachen asiatisches Kino setzt, stammen die meisten Wettbewerbsfilme wieder aus Europa, darunter allein drei aus Frankreich. Gespannt wartet man besonders auf Patrice Chéreaus "Gabrielle" mit Isabelle Huppert und auf "Vers le Sud" von Laurent Cantet, der vor drei Jahren mit "L'Emplois du Temps" in der damaligen Nebenreihe "Cinema del Presente" einen hochdotierten Preis gewann.

Auch ein deutscher Film war in den Wettbewerb geladen: Hans-Christian Schmid lehnte mit "Requiem" eine Teilnahme allerdings ab und zog die Berlinale vor. Immerhin laufen in Venedigs Nebenreihen die neuen Werke von Werner Herzog und Philip Gröning sowie eine Dokumentation über das erste deutsche Supermodel Veruschka von Lehndorff - insofern entbehren vereinzelte Klagen über angebliches Desinteresse am deutschen Kino jeglicher Grundlage.

Ein herausragender Film kam aus den USA. Mit "Good Night, and Good Luck", der zweiten Regiearbeit von Weltstar George Clooney, begann der Wettbewerb auf überaus hohem Niveau: Clooney, selbst Sohn eines bekannten TV-Journalisten, verfasste auch das Drehbuch und erzählt hier von Edward R. Murrow, der in den 50er-Jahren mit seiner täglichen CBS-Sendung zum TV-Star und zur Legende des investigativen Journalismus wurde. Murrow führte zunächst einen einsamen Kampf gegen die Machenschaften des rechtskonservativen Senators McCarthy und dessen Hexenjagd aufs liberale Amerika. In Aufsehen erregenden Beiträgen wies ihm Murrow Manipulationen und Verfassungsbruch nach und hatte so wesentlichen Anteil an dessen Sturz.

Die Hauptrollen spielen, neben David Strathairn als Murrow, Clooney selbst als dessen Redaktionleiter und ein wunderbarer Robert Downey Jr. als Journalistenkollege. "Good Night, and Good Luck" ist schon deswegen überaus aktuell, weil er an die guten, selbstkritischen und liberalen Traditionen Amerikas erinnert, die man heute, in einer der McCarthy-Ära ähnlichen Situation, leicht übersieht.

Zudem verbindet Clooney seinen Film mit der Kritik an einer Fernsehkultur, die von "Dekadenz und Eskapismus" (so Murrow im Film) dominiert ist, neudeutsch: eine Kritik am "Unterschichtenfernsehen" (Harald Schmidt). Nicht weniger überzeugt Clooneys Film stilistisch: Gedreht in Schwarz-Weiß und mit vielen Nahaufnahmen aus leichter Unterperspektive, wie sie für die 50er-Jahre typisch sind, lässt er den Betrachter eintauchen in eine verlorene Zeit. Man sieht Männer in zeittypischen Gesten; Männer, die unheimlich viel Rauchen und Scotch trinken - Männerbilder also einer vergangenen Epoche.

Mit seiner Coolness ohne Nostalgie wirkt "Good Night, and Good Luck" wie das realistische Pendant zu Soderberghs "Ocean's Eleven" und "Ocean's Twelve", in denen Clooney die Hauptrolle spielte. Auch hier ist ein "Ratpack" am Werk, eine verschworene Gemeinschaft, die für das Gute kämpft, und weiß, dass man dafür auch gut aussehen und lässig bleiben muss.

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