Historikerstreit im Kino

- Seit über 20 Jahren gilt der Münchner Dominik Graf als einer der besten deutschen Regisseure. Filmisch war er seiner Zeit oft voraus. Nun hatte sein neuer Kinofilm, das DDR-Melodram "Der Rote Kakadu", im Panorama der Berlinale Premiere, heute kommt er in die Kinos.

Wie können Sie Ihren Blick auf die DDR 1961 charakterisieren?

Dominik Graf: Die DDR, die ich zeige, ist auch ein Stück so, wie man sich eigentlich die DDR immer gewünscht hat. Trotzdem hatte ich irgendwann das Gefühl: Es ist ein fremdes Land, von dem ich erzähle - für mich wirklich auch Ausland. Ich glaube, dass es aber jedenfalls sehr wichtig war, mit dem Grundgefühl da ran zu gehen, dass es in den Sechzigerjahren in der DDR nicht so verklemmt zuging wie bei uns.

Was ist das Besondere an Dresden? Das ist ja etwas anderes als München, wo viele Ihrer Filme spielen.

Graf: Dresden war aber wie München auch immer eine Stadt, die den jeweiligen Systemen nicht abgeneigt war. Natürlich keine "Hauptstadt der Bewegung", aber ein reicher Ort der Herrscher, eine Residenz, vor dem Zweiten Weltkrieg noch strahlend schön, kein Widerstandsnest. Und sie war 1961 noch fast völlig zerstört. Hätte man damals von der "Blauen Wunder"-Brücke einmal mit der Kamera nach links geschwenkt, hätte man immer noch nur Trümmer gesehen.

Jetzt könnte man lästern: Da kommt der Wessi und romantisiert mit seinem Sehnsuchtsblick die DDR.

Graf: Klar. Ich habe versucht, es so zu schildern, wie junge Menschen das damals empfunden haben. Man weiß, dass es auch die schlimmen Seiten gibt, man akzeptiert sie aber.

Es ist ja gerade Mode, die Vergangenheit auf die Leinwand und ins Fernsehen zu bringen. Fliehen Macher und Zuschauer vor der Gegenwart?

Graf: Ich habe versucht, das alles nicht zu machen. Wir haben zurzeit einen imperial-kapitalistischen Verwertungsblick auf die Geschichte: Emotion, Drama und massentaugliche Spannung zählen, sonst nichts. Die "History"-Kultur schlachtet unsere Geschichte aus wie einen alten Luxusliner. Das wird sich rächen, weil wir als Gesellschaft daran verblöden. Man muss auch im Kino Erinnerungswissenschaft betreiben, und zwar detailliert und psychologisch. Meine Position ist da: Es gibt nicht nur Geschichte von oben gesehen. Fast kommt es mir so vor, als würde der Historikerstreit neu im Kino ausbrechen.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland

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