Hochglanz-Philosophie

- In einer globalisierten Welt wächst das Bedürfnis nach Unverwechselbarem. Das lässt sich nicht nur an banalen Phänomenen beobachten. Auch die Renaissance fernöstlicher Religionen zählt dazu, die sich von der Asien-Begeisterung der 70er-Jahre deutlich unterscheidet. Damals waren es die Aussteiger, die am Ganges ihr Bewusstsein erweitern wollten; jetzt ist es der Mittelstand, der an der exotischen Fremdheit Gefallen findet.Im Kino zeichnet sich dieser Wandel schon eine Weile ab.

Ohne ihn wäre die Euphorie, mit der in Europa plötzlich "Bollywood"-Musicals gefeiert werden, nicht zu erklären, aber auch nicht die atemberaubende Schönheit eines Films wie "Samsara", dessen meditative Cinemascope-Bilder schlicht überwältigen.Die buddhistische Filmfabel über einen Mönch, der dem Kloster den Rücken kehrt und das Glück als Ehemann und Getreidebauer sucht, ist für ein westliches Publikum gedacht, dessen Sehnsucht nach ästhetischen Erfahrungen als Aufhänger für spirituelle Reflexionen dient. Denn weder in der einen noch in der anderen Welt findet der Mönch Tashi wirklich Ruhe. Als frommem Einsiedler fehlte ihm die Gefährtin, als Ehegatte und Vater der Einklang mit dem Universum. Aus diesem Zwie-spalt gibt es kein Entkommen, weder in Asien noch anderswo. Was der deutsche Untertitel "Geist und Leidenschaft" salopp verbindet, erfährt im Film bewusst keine Auflösung: Weder die Ekstasen des Leibes noch die Abkehr vom Materiellen vermögen die Widersprüche des Daseins zu beseitigen.Ob diese Botschaft allerdings immer verstanden wird, hängt von der Bereitschaft ab, sich vom betörenden Schein der Bilder gelegentlich zu distanzieren. Die Inszenierung von Pan Nain ("Ayurveda") ist dafür nicht immer förderlich, weil er und sein Kameramann Rali Raltchev vielfach der Versuchung erlegen sind, den majestätischen Zauber der Landschaft am Fuße des Himalaya auf die Leinwand zu bannen.Obwohl "Samsara" viel Mühe auf Details verwendet und gelegentlich auch semidokumentarisch anmutet, tendiert die Verbindung von parabelhaften Zügen, schönen Menschen und einer fast paradiesischen Natur in eine Richtung, die dem Geist des Films zuwider läuft. Eine auf Hochglanz getrimmte Lebensphilosophie lässt sich zwar leichter goutieren, erfüllt aber gerade die tiefsten Sehnsüchte nicht: die nach einer individuellen Beheimatung. (In München: Isabella, Atelier, Arena i. O.)

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