Die Hölle ist der andere

- Es beginnt fast beiläufig: Zwei Männer quälen sich durch den Berufsverkehr, beide haben es eilig, stoßen zusammen. Ein Blechschaden nur, aber der Auftakt für einen aufwühlenden Tag, der für sie zu einem Wendepunkt wird. Denn Gavin Banek (Ben Affleck), ein junger Karriereanwalt, nimmt alles zu leicht, sein Unfallpartner Doyle Gibson (Samuel L. Jackson) hingegen, ein trockener Alkoholiker, neigt dazu, alles zu ernst zu nehmen.

<P>Die Stimmung ist gereizt, ein Wort gibt das andere, und die zwei trennen sich hektisch im Streit - mit fatalen Folgen. Der Anwalt verliert am Unfallort eine wichtige Prozessakte, der Alkoholiker verpasst den Gerichtstermin, bei dem über das Sorgerecht seiner Kinder entschieden wird. Die Schuld dafür suchen die beiden beim jeweils anderen und entfesseln einen regelrechten Kleinkrieg, bei dem sie schnell jedes Maß verlieren. Blind vor Hass und unter dem Druck der sich überschlagenden Ereignisse machen sie sich das Leben gegenseitig zur Hölle.<BR><BR>Bemerkenswert an "Spurwechsel" ist, dass diese Eskalation psychologisch nachvollziehbar gezeigt wird. Es sind die alltäglichen Hinterhältigkeiten und Lügen, die Menschen hier fast unmerklich in Monster verwandeln. Regisseur Roger Michell bezieht in diesem düsteren Psychodrama ernsthaft Stellung zu einem moralischen Dilemma: Ist sich jeder selbst der Nächste, oder trägt man nicht immer auch Verantwortung für andere? In jeder Phase des Films würden die zwei Protagonisten unterschiedlich darauf antworten, erst am Schluss deutet sich eine Lösung an. <BR><BR>Michell nimmt sich die Zeit, um die Wandlung seiner Charaktere gewissenhaft nachzuzeichnen. In Optik, Tonfall und Thematik erinnert "Spurwechsel" dabei sehr an das ambitionierte Autorenkino der 70er-Jahre. Dementsprechend viel Wert legt Michell auf die Glaubwürdigkeit seiner Protagonisten. Ben Affleck überzeugt dabei als verunsicherter Yuppie, der - das Karriereende vor Augen - alle Skrupel zu verlieren droht. Zusammengehalten wird "Spurwechsel" aber von Samuel L. Jackson, der in anderen Filmen gerne weit unter Wert als schwarze Knallcharge verheizt wird. <BR><BR>Seine Darstellung eines Alkoholikers, der nach zu vielen Niederlagen seinem brodelnden Zorn freie Bahn lässt und beinahe das Opfer seiner eigenen Verbohrtheit wird, ist in der exakt gespielten Zurückhaltung grandios. Nicht zuletzt dadurch wirkt der moralische Anspruch des Films. Folgerichtig ist das scheinbare Happy End eher ein Fragezeichen: Die zwei Streithähne bekommen eine zweite Chance; ob sie sie zu nutzen verstehen? <BR><BR>"Spurwechsel"<BR>mit Ben Affleck, Samuel L. Jackson <BR>Regie: Roger Michell <BR>Sehenswert <BR></P>

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