Premiere auf der Berlina

"Elser": Hommage an einen Mutigen

Berlin - Oliver Hirschbiegels Drama über den Hitler-Attentäter Georg Elser wurde auf der Berlinale uraufgeführt.

Fast jeder Deutsche kennt Sophie Scholl. Auch Graf Stauffenberg ist den meisten ein Begriff. Doch ein anderer Widerstandskämpfer gegen Hitler ist beinahe vollständig in Vergessenheit geraten: Georg Elser, ein einfacher Schreiner aus Württemberg, der schon viele Jahre vor den anderen Genannten erkannte, dass der „Führer“ großes Unglück über Europa bringen würde – und der den Mut hatte, eigenhändig eine Bombe zu bauen, die Hitler während dessen Rede im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1939 töten sollte. Der Anschlag scheiterte nur, weil Hitler den Saal früher verließ als geplant: exakt 13 Minuten vor der Detonation des Sprengsatzes. Um ein Haar hätte Elser also den Lauf der Geschichte entscheidend verändert.

Im Jahr 1989 hatte sich bereits Klaus Maria Brandauer mit seinem Film „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ des Themas angenommen. Jetzt setzt Regisseur Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“) dem Hitler-Attentäter mit „Elser“ ein weiteres filmisches Denkmal. Mit diesem packenden Film, der bei der Berlinale seine heftig beklatschte Weltpremiere feierte, knüpft Hirschbiegel an seine glorreichen Zeiten von „Das Experiment“ an. Eindrucksvoll schildert er, wie sich der Nationalsozialismus in Elsers Heimatdorf ausbreitet wie eine Krankheit – und wie sich der junge Tischler zum Tyrannenmord entschließt. Elser habe als Einziger den Mut gehabt zu sagen: „Das muss gestoppt werden“, meinte Hirschbiegel auf der Pressekonferenz zum Film. „Dass er seine Tat auch noch eigenhändig geplant und durchgeführt hat, ist ein Beispiel für Zivilcourage, das mir größte Bewunderung abverlangt.“

Der Vergleich mit Edward Snowden liege nahe, fuhr der Regisseur fort: „Auch Snowden hat aus einem inneren Bedürfnis heraus sein Leben aufs Spiel gesetzt und als Einziger von zehntausenden Geheimdienstlern gesagt: Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.“ Elser habe ihn schon seit seiner Jugend fasziniert, erzählte Hirschbiegel: „Für mich war er immer der wichtigste Widerstandskämpfer. Ich hoffe, dass er durch den Film endlich den verdienten Respekt bekommt.“ Bei der Uraufführung zollte der Regisseur auf der Bühne des Berlinale-Palastes seiner begnadeten Kamerafrau Judith Kaufmann Respekt, indem er demonstrativ vor ihr auf die Knie ging. Zum Amüsement des Publikums wies Hirschbiegel anschließend darauf hin, dass die Schauspieler, die auf der Leinwand die Bösewichte darstellten (darunter Johann von Bülow als brutaler Gestapo-Chef), in Wirklichkeit ganz reizende Menschen seien. Einer ragt zweifellos heraus aus dem grandiosen Ensemble: Christian Friedel (Cineasten kennen ihn als Dorflehrer in „Das weiße Band“) gelingt eine kraftvolle, facettenreiche Verkörperung der Titelfigur – vom rebellischen, freiheitsliebenden Herzensbrecher bis hin zum durch Folter und jahrelange Isolationshaft gebrochenen Mann kurz vor seiner Hinrichtung im KZ Dachau. „Es war eine große Lust, diese Spannbreite auszufüllen, und eine große Ehre, diesen Mann zu spielen“, sagte Friedel bei der Pressekonferenz. Für ihn hat der Film eine besondere Aktualität: „Ich lebe in Dresden, und dort ist schon seit Jahren unterschwellig so ein komischer Fremdenhass zu spüren. Wenn meine ausländischen Freunde mir beschreiben, dass sie in der Straßenbahn Unbehagen verspüren, dann stellen sich mir die Nackenhaare hoch.“ Deswegen sei „Elser“ in Zeiten von Pegida und sonstiger rechter Tendenzen wichtig, so Friedel: „Denn der Film zeigt, dass jeder Mensch eine Stimme hat – und Augen, um zu sehen. Georg Elser hat die Augen aufgemacht und seine Stimme erhoben. Das können wir auch!“

Verwundert zeigten sich viele Premierengäste über die Tatsache, dass Hirschbiegels Film nicht im Berlinale-Wettbewerb lief. Einige Journalisten konstatierten, dass kein einziger Wettbewerbsbeitrag sie in diesem Jahr so sehr gefesselt hätte wie „Elser“ – und dass auch keine darstellerische Leistung sie heuer mehr beeindruckt hätte als die von Christian Friedel. „Aber Friedel wird trotzdem seinen Weg machen“, meinte ein geschätzter Kritikerkollege trocken. „Jetzt kriegt er eben im Juni den Deutschen Filmpreis!“ Das ist natürlich noch reine Spekulation. Sicher ist nur: Am 9. April kommt „Elser“ in die Kinos – auf den Tag genau 70 Jahre nach Elsers Hinrichtung durch die Nazis.

Marco Schmidt

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