Mit dem Hunger kommt der Dreck

- Eine große Schlacht. Körper wirbeln durch die Luft, mit den Kleidern wird ihnen zugleich die Haut vom Leib gerissen, anderen bohrt sich das Bajonett durch den Hals. Zu Beginn ist "Unterwegs nach Cold Mountain" ein Kriegsfilm. Nord kämpft gegen Süd im US-Bürgerkrieg. Das passt zur aktuellen Tendenz, Kämpfe per Computertechnik als Panoramen zu malen, die an Gemälde à` la Altdorfers "Alexanderschlacht" erinnern. Und inmitten der Massen steht Inman, gespielt von Jude Law.

<P>Inman ist ein einfacher Junge des Südens. Im Gegensatz zu seinen blutdurstigen Kameraden denkt er nicht an Kampf und Vaterland, sondern an Ada, die zu Hause sitzt und ihn nur in Briefen und durch eine Fotografie begleitet, die er mit sich trägt. In der folgenden Nacht wird er schwer verwundet und hört die Stimme der Krankenschwester, die ihm aus Adas Briefen vorliest: "Komm nach Haus, komm zu mir, komm nach Cold Mountain", wispert es zu ihm im Fieberwahn. Wieder genesen, desertiert Inman und wandert zu Fuß heimwärts, bedroht von Deserteursjägern, gequält von den Folgen der Verwundung.</P><P>Anthony Minghella erzählt die Geschichte recht eng an die Vorlage von Charles Frazier angelehnt. Diese scheint wie für Minghella gemacht: Eine verschachtelte Erzählstruktur, die zwischen der Vergangenheit Inmans und Adas, ihrer Begegnung vor dem Krieg und der Gegenwart hin- und herspringt. Und das in Zehnminuten-Häppchen. Denn diese Gegenwart ist wiederum in zwei Ebenen unterteilt, die parallel von Adas und Inmans Leben erzählen. Weil deren Wiedersehen dramaturgisch unvermeidlich ist, ist Inmans Weg nur mäßig spannend. Bei allem Bemühen Minghellas um Spannung, muss ums Überleben seiner Hauptfigur nie ernsthaft gefürchtet werden. Da schaut man lieber Adas Leben an der Heimatfront zu. Lange Zeit sieht man sie nur in tadellos gebügelten Spitzenblüschen, doch mit dem Hunger kommt auch der Dreck, der Tod des Vaters und die Ungewissheit um den Geliebten tun ein Übriges. Ada verwahrlost, und es bedarf der Unterschichtfrau Ruby, um ihr Überleben zu sichern.</P><P>Panorama des Südens</P><P>Die Passagen in denen mit Nicole Kidman (Ada) und René´e Zellweger (Ruby) zwei ganz unterschiedliche Darsteller-Charaktere aufeinander treffen, sind die besten des Films. Vor allem Zellweger überzeugt, gerade weil sie chargiert bis zur Karikatur, während man Kidman lange nicht so blutleer gesehen hat. Der Rest lässt sich bestenfalls als "Panorama des Südens" genießen, allerdings eines, in dem keine Schwarzen und keine Sklaverei vorkommen - ein Märchen mit klarem Gut-Böse-Schema, wenig Überraschungen und viel Schmalz.</P><P>Ein Epos à` la "Vom Winde verweht" mag Minghella vorgeschwebt haben, doch dieses Niveau erreicht er weder visuell noch erzählerisch. Dafür steht im Finale ein melodramatisches Idyll: Nach einer einzigen Liebesnacht stirbt der Geliebte, Ada ist schwanger, und am Ende sitzen sie, das Kind und Ruby unter schattigen Bäumen - noch ein Gemälde. Das einzige, was darauf fehlt, ist ein röhrender Hirsch. (In München: Mathäser, Arri, Maxx, Gloria, Rio, Cinema i. O., Tivoli, Filmeck.) </P><P>"Unterwegs nach Cold Mountain"<BR>mit Nicole Kidman, René´e<BR>Zellweger, Jude Law<BR>Regie: Anthony Minghella<BR>Erträglich </P>

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