Ibsen auf Chilenisch

- Ein Film, eine Einstellung, kein Schnitt, alles also in Echtzeit. Das ist schon formal aufregend und schließt an die letzten Filme von Mike Figgis an, der mit "Time Code" etwas Ähnliches unternahm. "Sábado", das Debüt des Chilenen Matías Bize, kommt auf den ersten Blick daher wie ein privates Hochzeitsvideo, das sich aus Versehen auf die Kino-Leinwand verirrt hat. Man erlebt eine Hochzeitsfeier nonstop. Aber was für eine Hochzeitsfeier! Nach fröhlich konventionellem Beginn eskaliert alles, und man erinnert sich an Thomas Vinterbergs "Das Fest", wo auch ein heiteres Familientreffen aus dem Ruder läuft, verborgene Konflikte und Lebenslügen aufbrechen.

Immer schaut die Kamera hin, noch die peinlichsten Augenblicke werden gnadenlos enthüllt. Auch atmosphärisch erinnert "Sábado" an Vinterbergs Hochdruckkino. Schnell, an der Grenze zur Hysterie lässt der Regisseur seine Figuren aufeinander prallen, bringt er Konflikte zum Überkochen. Denn die Braut Blanca entdeckt, dass ihr frisch getrauter Gatte Victor kürzlich erst die Nachbarin Antonia geschwängert hat. Sie beschließt, sich zu rächen, und demontiert die verlogenen Verhältnisse.

Schrille Satire

Das mag auch auf speziellen Latino-Machismo  gemünzt  sein, hat aber auch für ein deutsches Publikum viel Sprengstoff. Denn natürlich geht es um grundsätzlichere Fragen der Geschlechtermacht, aber vor allem wie in einem Drama von Ibsen oder einem Bergman-Film um Lüge und Wahrheit.

Zugleich enthält "Sá´bado" eine kluge und formal interessante, dabei ganz klassische Reflexion über die Zeit. In ihrem Cinema-Verité´-Anspruch erinnert sie ans "Dogma"-Kino, doch ist "Sábado" noch wilder: Melodram und schrille Satire, gespielt von sehr bekannten und sehr guten chilenischen Darstellern. Für seine Direktheit, seine Unkonventionalität und seinen Mut gewann der Film bereits mehrere Preise. "Sá´bado" bietet Unterhaltung und ein paar, nicht nur ironisch gemeinte Einsichten wie etwa Blancas resigniertes Resümee über "die Männer": "Da gibt es die Netten, die immer abspülen und die deine Mutter wirklich mag, aber dich unsicher machen. Dann gibt es den Mr. Cool, die Machos, die Psychopathen, der Schrecken deiner Eltern, die dich bei jeder Gelegenheit betrügen, aber bei denen du dich geborgen fühlst."

(In München: Monopol, Insel.)

"Sábado - Das Hochzeitstape"

mit Bianca Lewin, Antonia Zegers

Regie: Matías Bize

Hervorragend

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ich wünsche dir ein schönes Leben“: Ounie Lecomtes Porträt berührt spät
Eine Frau will mehr über die leibliche Mutter ihres Adoptivsohnes erfahren – davon handelt der Kinofilm „Ich wünsche dir ein schönes Leben“. Hier lesen Sie unsere Kritik.
„Ich wünsche dir ein schönes Leben“: Ounie Lecomtes Porträt berührt spät
„Maria Mafiosi“: Eine Hochschwangere auf Verbrecherjagd
Polizistin Maria erwartet mit ihrem Geliebten Rocco, dessen Familie in kriminelle Machenschaften verstrickt ist, ein Kind. Dann häufen sich die Leichen.
„Maria Mafiosi“: Eine Hochschwangere auf Verbrecherjagd
Morden um zu überleben: „Das Belko-Experiment“
Am Ende kämpft jeder für sich selbst – das zeigt Greg McLeans neuer Horrorfilm „Das Belko-Experiment“. Menschen müssen, um selbst zu überleben, Kollegen töten.
Morden um zu überleben: „Das Belko-Experiment“
Eine fabelhafte Kopie: „Der wunderbare Garten der Bella Brown“
„Der wunderbare Garten der Bella Brown“ ist zwar nett, erinnert jedoch stark an „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Lesen Sie hier unsere Kritik.
Eine fabelhafte Kopie: „Der wunderbare Garten der Bella Brown“

Kommentare