Dustin Hoffman:

„Ich habe mein Trauma überwunden“

München - Erstmals wirkte Hollywood-Star Dustin Hoffman auch hinter der Kamera: Im Interview spricht der Schauspieler über sein Regiedebüt „Quartett“, alternde Künstler und seinen Wettstreit mit Gott.

Wir treffen Dustin Hoffman beim Filmfestival von San Sebastián, wo er für sein Lebenswerk geehrt wird. Dynamisch, mit verschmitztem Lächeln und tiefer, nasaler Stimme begrüßt uns der 1,66 Meter große Schauspiel-Gigant in seiner Hotelsuite. Schon bald zeigt sich, dass dies kein gewöhnliches Interview wird: Mit geradezu journalistischer Neugier stellt der 75-jährige Oscar-Preisträger („Die Reifeprüfung“, „Rain Man“) immer wieder Gegenfragen; er zeigt sich väterlich besorgt ob der Erkältung seines Gesprächspartners und drängt ihm seine eigene Medizin auf („Das Zeug ist wirklich gut!“); er betätigt sich als Missionar („Dieses Buch mit Rilke-Gedichten ist meine Bibel!“) und bellt zwischendurch liebevoll die Pressebetreuerin an, weil er mehr Zeit für das Interview möchte. Vor allem aber sind Hoffmans Erzählungen von entwaffnender Offenheit.

Wie kommt es, dass Sie mit „Quartett“ im Rentenalter noch Ihre Reifeprüfung als Regisseur abgelegt haben?

Ich wollte schon als Schauspielschüler Regie führen. Damals half ich gern Kommilitonen, Szenen einzustudieren, und bekam oft zu hören: „Dustin, du solltest Regisseur werden!“ Ich traute mich indes nicht, die Schauspielerei aufzugeben – das hätte sich wie ein Scheitern angefühlt. Ende der Siebzigerjahre produzierte ich den Film „Stunde der Bewährung“, an dessen Drehbuch ich mitgearbeitet hatte und bei dem ich Regie führen sollte. Doch wir hatten keinen Monitor, auf dem man das gefilmte Material begutachten konnte, und ich war nach jeder Szene völlig verunsichert: War das jetzt gut oder nicht? Nach drei Tagen warf ich als Regisseur das Handtuch. Die Entscheidung habe ich später sehr bereut. Insofern bin ich sehr froh, dass ich dieses Trauma jetzt endlich überwinden konnte.

Was war Ihnen bei der Inszenierung des Films besonders wichtig?

Die schlimmsten Fehler zu vermeiden, die ich bei anderen Regisseuren beobachtet hatte. Viele frickeln lang herum, um einen Ort perfekt auszuleuchten, holen dann die Schauspieler hinzu und erwarten, dass die Szene beim ersten Versuch im Kasten ist. Wenn man um eine Wiederholung bittet, weil man sicher ist, dass man seinen Part noch besser hinbekommt, heißt es: „Keine Zeit, wir müssen die nächste Szene ausleuchten.“ Ich finde es katastrophal, Darsteller lediglich als Handlanger zu missbrauchen. Für mich lautet die oberste Regel am Set: Der Schauspieler hat immer Recht! Er verfügt über ein Gespür für Wahrhaftigkeit. Wenn etwas nicht funktioniert, ist es nicht seine Schuld – dann muss man die Szene so verändern, dass er sich wohlfühlt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ein Akteur dann am besten ist, wenn er sich nicht anstrengen, verbiegen und krampfhaft „spielen“ muss.

Der Geiger Itzhak Perlman meinte, „Quartett“ wäre der erste authentische Film über alternde Musiker.

Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass wir – abgesehen von den vier Hauptdarstellern – echte Musiker und Sänger engagiert haben, die tatsächlich das Schicksal unserer Filmfiguren teilen: Sie sind noch toll in Form, bekommen aber wegen ihres Alters seit Jahren keine Auftritte mehr. Unser Trompeter Ronnie Hughes ist beispielsweise 83 Jahre alt – und spielt noch wie ein junger Gott.

Schmettern Sie selbst Opernarien in der Badewanne?

Nein. Aber ich lebte während meines Schauspielstudiums mit Robert Duvall und dessen Bruder in einer WG, und dieser Bruder war Opernsänger. Seitdem weiß ich, was das für schlimme Finger sind. Sie glauben, Schauspieler wären gamsig? Kein Vergleich zu Sängern – die fallen sogar zwischen zwei Arien übereinander her!

Ihr Film suggeriert, dass Kunst uns zu besseren Menschen und unsterblich machen kann. Glauben Sie das auch?

Nein, das bezweifle ich. Unter den Künstlern gibt es einen Haufen Kotzbrocken – denken Sie nur daran, wie schäbig Picasso seine Frauen behandelt hat. Und dass wir durch unsere Kunst unsterblich werden, bleibt wohl auch ein Wunschtraum. Wenn ich meinen Kindern von einem Schauspieler erzähle, der einst weltberühmt war, muss ich meistens feststellen, dass sie dessen Namen noch nie gehört haben. Arthur Miller fand ein schönes Bild für unsere zum Scheitern verurteilte Sehnsucht nach Unsterblichkeit: „Wir denken, wir würden unseren Namen in Stein meißeln, doch wir schreiben ihn nur an einem heißen Tag auf eine Torte aus Eis.“

Was treibt Sie dann noch an, Filme zu drehen?

In meinem Alter gibt es nur zwei Möglichkeiten – entweder man zieht sich aufs Altenteil zurück, was bedeuten würde, dass man verkümmert und verdorrt, oder man sagt: Das ist ein neuer Anfang! Mein Hauptdarsteller Billy Connolly hat das Thema von „Quartett“ auf den Punkt gebracht: „Sieh’ zu, dass du nicht vor deinem Tod abstirbst!“ Nachdem wir wissen, dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist, wäre es bescheuert, auch nur eine Minute davon zu vergeuden. Für mich ist das Leben eine Art Wettstreit mit Gott: „Sei mal nicht so sicher, dass du mich so früh stoppen kannst!“

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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