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Quentin Tarantino posiert beim Fotocall zu seinem neuen Film "Django Unchained" in Berlin.

"Django Unchained": Interview zum Kinostart

"Herr Tarantino, ist dieser Film zu brutal?"

München - Im Merkur-Interview spricht Kult-Regisseur Quentin Tarantino über „Django Unchained“, Brutalität und Historie im Film – und über seinen Rückzug als Regisseur.

Hier lesen Sie das Merkur-Interview mit "Django Unchained"-Star Samuel L. Jackson.

Berlin-Mitte, Hotel de Rome: Klar, wo sonst sollte man einen Spaghetti-Western präsentieren? Quentin Tarantino ist gekommen, um seinen neuen Film vorzustellen: „Django Unchained“, der am Donnerstag in unsere Kinos kommt, erzählt vom Sklaven Django (Jamie Foxx), der mit dem deutschen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) auf die Suche nach seiner Frau Broomhilda (Kerry Washington) geht. Die muss er vor dem brutalen Plantagenbesitzer Clavin Candie ( Leonardo DiCaprio) retten. Tarantino trägt eine Art dunkelgrünen Samt-Kimono mit gelbem Futter, als er den schmucklosen Konferenzraum im Berliner Hotel betritt. Der Kimono könnte eine Requisite aus „Kill Bill“ sein. Dazu die obligatorische Kappe. Das Programm ist dicht: Sechs Minuten posieren für die Fotografen, 30 Minuten Pressekonferenz. Für das Interview mit unserer Zeitung hat er 15 Minuten – vielleicht auch nur zwölf, die PR-Frau schaut streng. Also, keine Zeit verlieren.

Mr. Tarantino, in „Django Unchained“ geht es wieder um Historisches. Statt mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen Sie sich diesmal mit der Sklaverei. Gibt es da Parallelen?

Ja, meiner Meinung nach – und ich spreche hier als Viertel-Cherokee-Indianer – gab es in Amerika sogar gleich zwei Holocausts: die Ausrottung der indianischen Ureinwohner und die Versklavung von Afrikanern, Jamaikanern und Westindern. Ich wollte eine Abenteuergeschichte erzählen, die während der Sklaverei spielt und zeigt, mit welcher Brutalität Sklaven von Amerikanern behandelt wurden.

Haben Sie es mit der Brutalität diesmal nicht übertrieben?

Die Realität war 1000 Mal schlimmer als alles, was ich in dem Film zeige. Hätte ich es realistisch dargestellt, hätte man den Film nicht anschauen können. Als ich „Django Unchained“ das erste Mal in einer Rohfassung einem Testpublikum gezeigt habe, war er noch viel brutaler. Ich vertrage da einfach mehr als die meisten Zuschauer. Aber ich musste feststellen, dass ich das Publikum traumatisiert habe. Denen flogen die Köpfe weg.

Haben Sie sich andere Filme über Sklaverei zur Vorbereitung angesehen?

Es gibt nichts, was man anschauen könnte, weil Amerika Angst davor hat, sich dem Thema zu stellen. Das muss in Deutschland komisch klingen, weil Ihr gezwungen werdet, Euch immer und immer wieder mit der Schande Eurer Nation auseinanderzusetzen. Amerika hat es irgendwie geschafft, darüber hinwegzugleiten.

Sie biegen sich die Geschichte in Ihren Filmen zurecht. Ist das Kino ein Ort, an dem Sie für Gerechtigkeit sorgen, die die Geschichte nicht bietet?

Absolut. Fiktive Geschichten in einem historischen Umfeld können eine Katharsis sein, können den Opfern der Geschichte einen Traum von Befriedigung und Rache bieten.

Aber es geht Ihnen nicht nur darum, dem Publikum Genugtuung zu verschaffen, oder?

Nein, ich will vor allem unterhalten. Ich will cineastische Momente kreieren und ich will, dass das Publikum den Film genießt. Aber dafür muss es zwischendrin eben auch mal hart zugehen. Man erlebt viele Emotionen während „Django Unchained“: Der Film ist witzig und romantisch. Aber Brutalität und verletzende Sprache gehören eben auch dazu. Es gibt Teile des Films, die sind schön anzuschauen, andere sind schwer zu ertragen. Es geht für mich immer um die Balance. Das macht den Erfolg oder Misserfolg jedes Films aus – es ist ein Tanz auf der Rasierklinge. Ich will, dass das Publikum am Ende ausrastet. Darauf arbeite ich hin.

Tarantino lässt den Django los: Premiere in Berlin

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Für einen Western wird in „Django Unchained“ erstaunlich viel Deutsch gesprochen. Liegt das an Christoph Waltz?

Ich weiß nicht, ob ich die Figur Dr. King Schultz je geschrieben hätte, wenn ich Christoph nicht kennengelernt hätte. Christoph ist inzwischen so in meiner künstlerischen DNA verankert, dass die Figur einfach aus meinem Stift floss. Aber so ist das: Je älter man als Künstler wird, umso mehr Einflüsse gibt es. Als ich „Inglourious Basterds“ gedreht habe, habe ich sechs Monate lang in Deutschland gelebt. Das ist jetzt ein Teil meines Lebens. Jetzt ist ein Stück deutsche Kultur und Seele in mir.

Was muss ein Schauspieler haben, um in Ihren Filmen spielen zu dürfen?

Durch meine Karriere kenne ich inzwischen sehr viele Schauspieler aus aller Welt. Bei „Kill Bill“ habe ich mit einigen der besten japanischen Schauspieler gearbeitet, bei „Inglourious Basterds“ mit einigen der besten deutschen und französischen. Normalerweise bekommt man als Regisseur eine Liste mit 45 Schauspielern, die in den nächsten fünf Jahren angesagt sind. Daran halte ich mich natürlich nicht. Ich habe eine viel längere Liste und um da draufzukommen, musst du nicht attraktiv sein, in großen Filmen mitgespielt haben oder Amerikaner sein, sondern nur zwei Kritierien erfüllen: Ich muss dich mögen und du musst am Leben sein.

Sie werden im März 50, trotzdem gelten Sie immer noch als der junge Wilde. Kommt niemand nach, der diese Rolle übernimmt?

Sie meinen, einen jungen Heißsporn, dessen Atem ich im Nacken spüre? Das, was ich für Oliver Stone war? Ich glaube, den gibt es noch nicht.

Nicht unbedingt als Konkurrenz, sondern jemand, der auch die Regeln bricht, Dinge anders macht?

Es gibt schon ein paar Leute, die interessante Sachen machen. Ich sehe aber niemanden mit meinem Ansatz. Ich will, dass alle meine Filme miteinander verbunden sind. Ich will nicht irgendwann in einer anderen Phase meiner Karriere sein, in der sich meine Haltung komplett ändert und ich nicht mehr der Wilde bin. Ich will nicht, dass die Leute irgendwann sagen: Er wird älter, das ist jetzt ein neuer Tarantino mit einer neuen Philosophie. Ich will, dass mein gesamtes Werk aus einem Guss ist.

Sie haben nicht das Bedürfnis, mal alles ganz anders zu machen?

Ich mache ständig alles ganz anders. Ich habe mich noch nie mit Sklaverei beschäftigt, ich habe noch nie einen Western gedreht. Was ich sagen will: Ich habe mit Rock’n’Roll angefangen und ich will auch mit Rock’n’Roll aufhören. Ich will nicht anfangen, Balladen zu singen oder Jazz zu machen. Ich mag Rock’n’Roll.

Müssen Sie dann bald in Rente gehen, um das zu schaffen?

Ja, das werden meine letzten zehn Jahre als Regisseur.

Fühlen Sie sich stark unter Druck, wenn Sie einen neuen Film machen?

Natürlich spüre ich Druck. Die Leute erwarten viel, wenn ein neuer Film von mir rauskommt. Aber ich würde es nicht anders haben wollen. Ich will, dass die Leute alles von mir erwarten. Ich habe das damals noch nicht bewusst erlebt, aber ich bin sicher, so haben die Leute über Bob Dylan gedacht in den Sechzigern oder über Hemingway oder Dickens in deren Zeit. So will ich beurteilt werden.

Das Gespräch führte Philipp Vetter.

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