Ich bin immer in der falschen Spur

- Eine der spannendsten Reihen der Berlinale ist die vor vier Jahren neu eingeführte Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Hier kann man die radikalen Erst- oder Zweitproduktionen junger, weitgehend noch unbekannter Filmemacher begutachten. Hier ist Mainstream noch ein Schimpfwort, und wer glaubt, der deutsche Film, das seien Bernd Eichinger, Sönke Wortmann oder Margarethe von Trotta, der wird auf angenehme Weise eines Besseren belehrt. Vergangenheitsbewältigung muss nicht aussehen wie im "Untergang", Komik muss nicht so krachledern daherkommen wie in "Das Superweib", und Frauenthemen lassen sich auch ohne jede Larmoyanz bebildern.

Breit gefächert ist demnach auch das Themenspektrum der Reihe. Neun Spiel- und Dokumentarfilme wurden heuer ausgewählt: ausschließlich Stoffe, die in der Gegenwart angesiedelt sind und für die Bezeichnungen wie "Multikulti" oder "Parallelgesellschaft" keine Worthülsen, sondern gelebte Realität sind. So zeigt etwa Bettina Braun in ihrem verstörend direkten "Was lebst du?" eine Clique muslimischer Freunde, bildet deren Alltag ab - der mitunter viel, gelegentlich aber gar nichts mit ihrer Kölner Umgebung zu tun hat, und forscht nach Träumen und Ängsten.<BR><BR>Ähnlichen Nachhall erzeugt auch die Dokumentation "Dancing With Myself" der Regisseurinnen Judith Keil und Antje Kruska. Die beiden erweisen sich als sozial und emotional genau beobachtendes Regie-Team. Im Mittelpunkt ihrer Doku stehen drei Berliner und deren Sehnsucht nach Rausch: tanzen, auch wenn das Leben alles andere als rosig ist, ist das Motto von Mario, Laurin und Reinhard, die jede Nacht auf Achse sind - während ihnen die Wirklichkeit immer schneller entgleitet.<BR><BR>Die Wirklichkeit entgleitet auch dem Langzeitarbeitslosen Marcel (Milan Peschel) in Robert Thalheims beklemmend authentischer, dennoch ausschließlich fiktiver Tragödie "Netto". "Ich bin immer nur in der falschen Spur", singt Marcels großes Idol Peter Tschernig, der ehemals als "der Johnny Cash des Ostens" galt. Inzwischen kennt den Namen niemand mehr, nur der Tagträumer Marcel singt Tschernigs Lieder so lautstark mit, dass sich die Nachbarn beschweren. Doch sein größtes Problem sind nicht die Streitereien mit Anwohnern, Vermietern und Ex-Frau, sondern die Schwierigkeiten mit seinem erfolgreichen halbwüchsigen Sohn Sebastian, der den Papa leider für einen kompletten Versager hält.<BR><BR>Eine ganz andere Vater-Sohn-Beziehung thematisiert Till Endemann in seinem poetisch angehauchten "Das Lächeln der Tiefseefische". Hier taucht plötzlich eine Schwester in der Familie auf, die das bisher bestehende System Vater-Mutter-Kind für den bislang einzigen Sohn auf den Kopf stellt. Voll innerer Dramatik, obwohl man den Figuren äußerlich nichts ansieht, steckt auch "Katze im Sack" von Florian Schwarz. Keiner, weder die junge Kellnerin (Jule Böwe) noch der junge Unbekannte, den sie im Zug kennen lernt, ist tatsächlich, was er zu sein vorgibt. Alle lassen ihre Katze im Sack, und es braucht in diesem wuchtigen, düsteren Melodram eine Menge Leiden und Verzweiflung, ehe aus den beiden Einsamen ein Paar werden kann. Gar nicht ernst und schwer ist dagegen die Satire "Weltverbesserungsmaßnahmen" von Jörn Hintzer und Jakob Hüfner. Nicht alle Episoden des dokumentarisch anmutenden Films sind von gleicher Qualität, aber alle sind hübsch pointiert und sehr amüsant. Etwa die Erfindung des "Leihgeschwister-Programms": Weil es in Deutschland vier Millionen Einzelkinder gibt und jedes davon "eine gesellschaftliche Zeitbombe ist, die immer lauter tickt", verpflichtet die Bundesregierung vier Millionen Arbeitslose als "Leihgeschwister". Aber was soll man tun, wenn der erwachsene "Leihbruder" nicht mit dem Kind spielen, sondern lieber mit der Mama Tuchfühlung aufnehmen will? Das ist feinster schwarzer Humor - und der ist bis heute ein Glücksfall im deutschen Kino.<BR>

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