Es ist immer zu spät

- Stirbt ein Mensch, verliert der Körper unmittelbar nach dem Tod an Gewicht. Um exakt 21 Gramm wird jeder leichter. Wissenschaftler haben bis heute dafür keine Erklärung. Wiegt die Seele also 21 Gramm? Dieses Gedankenspiel verfolgt Alejandro González Iñárritu in seinem neuen Spielfilm. Seit seinem Debüt "Amores Perros" gilt der Mexikaner als begnadetes Ausnahmetalent in der internationalen Riege der Jungregisseure. Iñárritu erzählt voller Wucht, mit einem gewaltigen Übermaß an Pathos, Qual und Ekstase - und fern aller Spielregeln Hollywoods.

<P>So ist "21 Gramm", Iñ~árritus erster Film in Hollywood, zwar schon deutlich geprägt vom typisch amerikanischen Starkino mit seinen Figurenzentrierungen. Allerdings ohne den üblichen Glamoureffekt, das bewusst gesetzte Aus-sich-heraus-Strahlen der Schauspieler. Auch die Parallelen zu "Amores Perros" sind deutlich: Wieder geht es um das ständige Zu-spät-Sein des Menschen, um Verfehlungen, die nicht mehr entschuldigt, um Liebesbekundungen, die nicht mehr ausgesprochen werden können. Wieder verfolgt Iñ~árritu mit seiner wüst schwankenden und zoomenden Kamera drei Personen, die in einer furchtbaren Katastrophe aufeinander treffen und die sich anschließend nicht mehr voneinander lösen können. <BR><BR>Der schwer kranke Paul (Sean Penn) ringt seit Jahren mit dem Tod und wartet auf ein Spenderherz. Das bekommt er eines Nachts. Es ist das von Christinas Mann, die die Organe ihres verstorbenen Gatten zur Transplantation freigegeben hat. Paul und Christina (Naomi Watts) lernen sich kennen. Er weiß, wer sie ist. <BR>Sie hat keine Ahnung von ihm. Das wird nicht gut enden. Man ahnt es vom Augenblick an, in dem Paul zögert, von seiner Krankheit zu sprechen, während sich Christina zu öffnen beginnt und von dem Tag erzählt, an dem nicht nur ihr Mann, sondern auch ihre beiden Töchter von einem betrunkenen Autofahrer überrollt wurden. Neben diesem Handlungsstrang gibt es den rund um den Fahrer des Unglückswagens. Das Ereignis wirft Jack (Benicio del Toro), der schon oft im Knast gesessen hatte und gerade ein neues, gottgläubiges Leben beginnen wollte, vollkommen und unwiderruflich aus der Bahn.<BR><BR>In der Schlüsselszene dieses anfangs recht verwirrenden, weil nicht chronologisch erzählten Films entlädt sich eine Flut von Gewalt mit einer alttestamentarischen Wucht. Aber es wird deutlich, was Iñ~á´rritu mit dieser Brutalitätsorgie bezweckt: Eine derartige Emotion entsteht in Menschen, die niemals den Mut haben, zu sich selbst zu stehen. So handeln Leute, die normalerweise zuverlässig funktionieren - aber nicht leben. Ein scheußlicher Gedanke. Passend zu dieser Überlegung erscheint auch der gesamte Film grob, hart und scharfkantig. Nichts ist glatt und schön. Dass sich die Herren Penn und Del Toro gerne in so genannten Charakterrollen verausgaben und auch hier wieder Leistungen zeigen, die weit über dem üblichen Niveau Hollywoods liegen, ist schon fast nicht mehr der Rede wert. Das Sehenswerteste an "21 Gramm" ist aber Naomi Watts, die weint, säuft, liebt und leidet und zugleich so aussieht, als lege sie wirklich ihre Seele frei und zeige nicht einfach nur bravouröses, unvergessliches Handwerk. (In München: Mathäser, Maxx, Münchner Freiheit, Atlantis, Cinema.)<BR></P><P>"21 Gramm"<BR>Darsteller: mit Sean Penn, Benicio Del Toro, Naomi Watts<BR>Regie: Alejandro Gonzá´lez Iñ~á´rritu<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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