Ein inszenierter Filmriss

- Die begabte Ärztin Miranda (Halle Berry) arbeitet in einer psychiatrischen Klinik mit Patienten, die ein Schwerverbrechen begangen haben. Ihr Chef ist ihr Mann, von einem gelegentlichen Flirt mit Kollegen Pete (Robert Downey Jr.) hält sie das nicht ab. Man lernt Miranda als sensible Rationalistin kennen, bemüht um Verständnis für ihre Patienten, fleißig und ehrgeizig. Aber so ganz kommt sie an die Psyche der ihr Anvertrauten nicht heran - sie höre "nicht mit dem Herzen zu", sagt ihr eine Patientin hellsichtig.

<P>Das ändert sich an dem Tag, an dem sich Miranda plötzlich auf der anderen Seite wiederfindet. Schnell stellt sich heraus: Ihr Gatte ist in Stücke gehackt worden, alle Indizien deuten auf sie. Die Minuten vor der Tat erzählt Kassovitz im Stil einer Gothic-Story: ein altes Gebäude, dunkle Gänge, Stromausfall, Gewitter, ein erzwungenes Abweichen vom vertrauten Weg, plötzlich steht eine junge, kaum bekleidete Frau geistergleich auf der Straße. Miranda weicht aus, hat einen Unfall, Filmriss - und tatsächlich hat der Zuschauer für eine Sekunde den Eindruck, der Film sei gerissen. Dann wacht Miranda in ihrer Zelle auf, und eine Weile kann man es für möglich halten, dass die gesamte vorherige Exposition nur geträumt war.<BR><BR>Wie ein Schauerroman</P><P>Die dritte Regiearbeit von Mathieu Kassovitz ("Die purpurnen Flüsse") beginnt als Thriller, der bald zum Gefängnisfilm wird. Kaum eines der Stereotype fehlt: Duschszene, Verhör, Ausbruchsversuch, Einzelzelle, der Horror der Institutionen. "Gothika" hat auch aufgrund seiner dichten Atmosphäre eine sehr starke erste Hälfte. Gekonnt entfaltet Kassovitz die klaustrophobische Stimmung eines Schauerromans. Wie dort oft kommt auch hier ein Geist ins Spiel, der von Miranda Besitz ergreift - aber in Gothic-Geschichten haben Geister einen psychoanalytischen Sinn, verweisen auf das Unterbewusste. Man erlebt sich in Mirandas Hirn versetzt, halluziniert mit ihren Augen.<BR><BR>"Gothika" fügt sich in den Trend der letzten Jahre, Mystik und Paranormales erheblich aufzuwerten. "Logik wird überschätzt", lautet demgemäß einer der letzten Sätze des Films, der zu diesem Zeitpunkt - die Heldin hat gerade einen Schurken ins Jenseits befördert - vor allem als Gag wirkt.<BR><BR>Doch beantwortet er auch die Frage, die sich in dem sehr unterhaltsamen Film schon früh stellt: Gibt es für alles doch noch eine rationale Erklärung? Indem sich dieser Film auf die andere Seite schlägt, zieht er nicht nur dem Zuschauer, sondern auch sich selbst den zuvor stabilen Boden unter den Füßen weg. </P><P>(In München: Maxx, Mathäser, Marmorhaus, Cinema i.O., Museum i.O.)<BR><BR>"Gothika"<BR>mit Halle Berry, Penelope Cruz <BR>Regie: Mathieu Kassovitz<BR>Sehenswert </P><P><BR> </P>

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