+
Mr. und Mrs. Whittaker: Colin Firth und Jessica Biel in „Easy Virtue – Eine unmoralische Ehefrau“.

Interview zum Filmstart:

Easy Virtue: 30-Sekunden-Depression

Mit den beiden „Bridget Jones“-Komödien wurde Colin Firth zum Weltstar, mit Filmen wie „Fever Pitch“, „Tatsächlich… Liebe“ und „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ festigte er seinen Ruf als einer der besten und beliebtesten britischen Schauspieler.

Seine grandiose Verkörperung der Titelrolle in „A Single Man“ wurde mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Ab morgen ist er in der rasanten Komödie „Easy Virtue – Eine unmoralische Ehefrau“ im Kino zu sehen. Im Interview beim Filmfestival von Taormina wirkt der geistreiche, stattliche 49-Jährige ausgesprochen sympathisch und charismatisch – nicht zuletzt dank seiner tiefgründigen Augen: Sie blicken zugleich sanft und entschlossen, melancholisch und hellwach.

-Ihr Leinwand-Partner aus „Easy Virtue“, Ben Barnes, hat erzählt, dass er Sie bei den Dreharbeiten zu „A Single Man“ besucht hätte – und dass Sie ihm während der Aufnahme einer Szene, in der Sie auf dem Klo saßen, heimlich eine SMS mit den Worten „Ich mach‘ Pipi“ gesendet hätten. Ist das wahr?

Ja. Asche auf mein Haupt!

-Es scheint, als würden Sie weder sich selbst noch Ihren Beruf besonders ernst nehmen.

Stimmt. Leute, die nicht über sich selbst lachen können, sind mir zutiefst suspekt. Und in meinem Job geht es schließlich nicht darum, die Welt zu retten – darum sollte man ihn mit einer gewissen Leichtigkeit ausüben. Wer das Kind in sich nicht mehr spürt, hat hier nichts verloren. Ein guter Darsteller sollte sich die Fähigkeit bewahren, wie ein Kind zu spielen und vollkommen in eine andere Realität einzutauchen.

-Sind Sie auch so naiv an die berühmte Szene in „A Single Man“ herangegangen, in der Sie am Telefon vom Tod Ihres Geliebten erfahren?

Ja. Das war hart, denn unmittelbar vor dem Dreh wurde Obamas Sieg bei den US-Präsidentschaftswahlen verkündet. Ich war also total euphorisch, sollte nun aber tiefste Verzweiflung darstellen. Es gab keine Anweisungen, weder im Drehbuch noch von Regisseur Tom Ford. Er schickte einfach das ganze Team in den Nachbarraum und ließ mich mit der Kamera allein. Minutenlang. Niemand rief „Cut!“, und ich gab mich völlig den Emotionen hin. Eine gefühlte Ewigkeit. Ich dachte schon, die Crew wäre heimgegangen, doch als ich nach nebenan kam, saßen alle heulend vor dem Monitor.

-„Easy Virtue“ ist sehr frech und amoralisch – eine Aufforderung zum Unartigsein?

Unbedingt. Alle gute englische Literatur ist in ihrem Kern subversiv. Der Film basiert auf einem Theaterstück von Noel Coward, dessen spritzige Dialoge sich nicht hinter denen von Oscar Wilde verstecken müssen. Wie Wilde liebt es auch Coward, sich über hohle bürgerliche Konventionen lustig zu machen und verlogene Fassaden einzureißen. Hinter seinen höchst amüsanten Wortgefechten verbirgt sich eine überraschend düstere Substanz.

-Sie verkörpern einen griesgrämigen, zerzausten Zyniker. Haben Sie es genossen, gegen Ihr Softie-Image anzuspielen?

Ich versuche grundsätzlich, nicht an mein Image zu denken. Zwar stecke ich stets meine gesamte Energie in mein aktuelles Projekt, aber hinterher ist es vorbei und vergessen, und ich verschwende keinen Gedanken mehr daran, sondern stürze mich mit Begeisterung auf etwas Neues. In künstlerischer Hinsicht verhalte ich mich sozusagen sehr promiskuitiv. Das basiert vermutlich auf einer Art Überlebensinstinkt, der in meinem Beruf ziemlich wichtig ist.

-Gab es in Ihrer Karriere je Momente, in denen Sie dachten, jetzt sei alles aus?

Ja, ungefähr acht Mal pro Tag am Set von „Mamma Mia!“. Immer wenn ich tanzen oder singen musste, war ich sicher: Das ist das Ende! Stellan Skarsgard und Pierce Brosnan ging es genauso. Das Perverse daran war, dass wir diese Dreharbeiten extrem genossen haben. Wir fühlten uns wie aufgekratzte Frauen bei einem feucht-fröhlichen Weiberabend. Nur hinterher kam jedes Mal der Kater – wir sahen uns an und dachten: Was zum Teufel haben wir da getan? Aber was dich nicht umbringt, macht dich härter. Wenn ich „Mamma Mia!“ überleben kann, dann kann ich alles überleben!

-Sie sind in England, Nigeria und den USA aufgewachsen. Ihre Frau ist Italienerin. Welchem WM-Team drücken Sie als bekennender Fußballfan die Daumen?

Ich liebe Fußball, und in London pilgere ich immer ins Stadion, wenn Arsenal spielt. Doch das Nationalstolz-Gen fehlt mir völlig. Mag sein, dass das an meiner Kindheit liegt – jedenfalls es ist mir herzlich wurscht, welchen Reisepass jemand hat. Darum bin ich, was meine Sympathien bei der WM betrifft, ähnlich flexibel wie eine Hure: Möge der Bessere gewinnen! Wenn England verliert, stürze ich zwar in eine tiefe Depression, aber die ist nach rund 30 Sekunden wieder vorbei.

Das Gespräch führte Marco Schmidt

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Davon handelt der dritte "Star Wars"-Spinoff
Die seit Jahren anhaltenden Gerüchte über die Hauptperson im dritten geplanten Spinoff zur eigentlichen "Star Wars"-Saga konkretisieren sich. 
Davon handelt der dritte "Star Wars"-Spinoff
Lachattacken im Schnellformat: Bullyparade-Film ab Donnerstag im Kino
Michael Bully Herbig bringt seinen nächsten Film ins Kino. Am Donnerstag feiert „Bullyparade - Der Film“ seine Premiere - Lachattacken garantiert.
Lachattacken im Schnellformat: Bullyparade-Film ab Donnerstag im Kino
Kinoflim „Tigermilch“: Ein Prosit auf die Pubertät
Wir trafen die Hauptdarstellerinnen von „Tigermilch“ – Der Film nach Stefanie de Velascos Roman startet nächste Woche.
Kinoflim „Tigermilch“: Ein Prosit auf die Pubertät

Kommentare