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"Ich war sozusagen Davids Flugzeug-Besatzung", sagt Kate Winslet über die Sexszene mit dem 18-jährigen Darsteller David Kross.

Interview mit Kate Winslet: "Sexszenen müssen echt wirken"

Berlin - Im sechsten Anlauf hat es endlich geklappt: Kate Winslet hat den längst fälligen Oscar bekommen – für ihre Verkörperung der KZ-Aufseherin Hanna in der Bestsellerverfilmung "Der Vorleser".

Sie gibt sich erfrischend unkonventionell im Interview während der Berlinale: Sie raucht selbstgedrehte Zigaretten; sie antwortet voller Leidenschaft; sie formuliert stets präzise und elegant, flucht aber zwischendurch so herzhaft wie ein Bierkutscher.

Können Sie sich mit der Nazi-Schergin Hanna identifizieren?

Nein, überhaupt nicht. Aber ich habe versucht, sie und ihre Handlungen zu verstehen. Ich wollte sie nicht als Monster darstellen, sondern als menschliches Wesen, als verletzliche Frau. Darum habe ich alles über den Krieg und die KZ-Aufseherinnen gelesen, was ich in die Finger bekam. Ich habe viel Zeit mit Analphabeten verbracht – denn Hannas gesamtes Leben wird von der Tatsache bestimmt, dass sie nicht lesen und schreiben kann. Schließlich habe ich mich wie Hanna in die Einsamkeit begeben, um ihr auf die Spur zu kommen.

Wie sah das konkret aus?

Während meine Kinder bei meinem Mann in England waren, saß ich mutterseelenallein in einem kleinen Apartment in Görlitz. Dort habe ich immer und immer wieder auf DVD die TV-Serie Heimat geguckt, geraucht und gestrickt – bis ich irgendwann anfing, meine Kleider zu ordnen. Da dachte ich: „Verdammte Scheiße, jetzt bist du schon wie Hanna!“

Wie sind Sie an die Sexszenen mit dem 18-jährigen David Kross herangegangen?

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Filmkritik zu "Der Vorleser"

Bei solchen Szenen muss man völlig vergessen, dass man nackt ist, sonst geht die Sache schief. Also habe ich versucht, David die Angst zu nehmen. Wenn man in einem Flugzeug sitzt, das in heftige Turbulenzen gerät, dann schaut man auf die Crew und denkt sich: „Okay, wenn die ruhig bleiben, dann ist wohl alles in Ordnung.“ Ich wusste, dass ich sozusagen Davids Flugzeug-Besatzung war – ich durfte ihm auf keinen Fall zeigen, dass ich mir gerade vor Angst in die Hosen geschissen hatte. Schließlich war ich selbst mal in seiner Situation: Auch ich musste mit 18 meine erste Sexszene drehen.

Wer hat Ihnen damals geholfen?

Keine Sau! Ich hatte wochenlang eine Höllenangst! Inzwischen habe ich aber mit Nacktheit keine Probleme mehr – spätestens seit der Geburt meines ersten Kindes. Und ich finde, wenn solche Filmszenen wirklich nötig sind, dann müssen sie auch echt wirken. Dann muss ich wie eine richtige Frau aussehen. Denn dieser Perfektionswahn, diese Vorstellung, es gäbe den perfekten Körper, kotzt mich total an!

Im Film liest David Ihnen aus allen möglichen Büchern vor. Mögen Sie das im wirklichen Leben auch?

O ja. Am liebsten mochte ich als Kind, wenn meine Mutter mir Der Zauberwald von Enid Blyton vorlas. Inzwischen lese ich die Geschichte meiner eigenen Tochter vor.

Was haben denn Ihre Eltern zu dem Film gesagt?

Sie waren überwältigt. Mein Vater konnte sogar seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Wissen Sie, wie ergreifend das ist, wenn Sie Ihren eigenen Vater weinen sehen?

Interview: Marco Schmidt (tz)

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