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Regisseur Claude Chabrol bei den Dreharbeiten.

Interview und Trailer zum Start von "Kommissar Bellamy"

Beaune - Regie-Legende Claude Chabrol spricht im Interview über seinen neuen Film "Kommissar Bellamy", seine Liebe zu Krimis und die Arbeit mit Gérard Depardieu.

Der Trailer zum Film

In rund 60 Kinofilmen hat er die Verlogenheit der Bourgeoisie entlarvt und dunkle Flecken auf weißen Bürgerwesten aufgespürt – doch von Müdigkeit fehlt bei Claude Chabrol jede Spur: Am Donnerstag läuft sein neuester Krimi „Kommissar Bellamy“ bei uns an. Wir treffen den Starregisseur beim Thriller-Festival von Beaune, wo er als Jury-Präsident fungiert. Der 79-Jährige steckt in einem ausgebeulten Cordjackett; aus seinen großen, wachen Augen blitzt der Schalk, und sein Lachen füllt die Hotellobby wie eine Urgewalt.

-Was fasziniert Sie am Krimi-Genre?

Filme von Chabrol

Krimi-Altmeister Claude Chabrol, 1930 in Paris geboren, hat innerhalb eines halben Jahrhunderts fast 60 Kinofilme inszeniert. Sein Regiedebüt „Die Enttäuschten“ galt 1958 als Beginn der Nouvelle-Vague-Bewegung, sein zweiter Film „Schrei, wenn du kannst“ gewann 1959 bei der Berlinale den Goldenen Bären. Zu seinen wichtigsten Filmen zählen „Die untreue Frau“ (1968), „Masken“ (1986), „Eine Frauensache“ (1988), „Die Hölle“ (1994) sowie „Biester“ (1995).

Der Charme des Krimis besteht darin, dass er nicht lügt. Er zeigt uns die verborgene Seite des Menschen, die wir nicht wahrhaben wollen. Unter dem Deckmantel eines Krimis kann man viel über die menschliche Natur erzählen – unter der Bedingung, dass man die Regeln des Genres akzeptiert. Diese Art von Bescheidenheit ist unbedingt notwendig. Deswegen werden Sie unter den Krimiautoren, sei es in der Literatur oder im Film, auch kaum arrogante Sturschädel finden.

-Ihre Filme erwecken den Eindruck, als hätten Sie ein Faible für Morde…

Ja, ich gebe es zu: Ich mag Leichen. Ein guter Mord ist das Salz in der Suppe eines Films. Wenn ein Film, in dem kein Mord passiert, den Leuten nicht gefällt, dann haben sie das Gefühl, ihre Zeit verschwendet zu haben. Sobald aber auf der Leinwand jemand umgebracht wird, sagen sie: „Na ja, wenigstens habe ich mich nicht gelangweilt!“ Diesen Sadismus der Zuschauer mache ich mir gerne zu Nutze.

-Hatten Sie beim Schreiben von „Kommissar Bellamy“ schon Gérard Depardieu als Hauptdarsteller im Hinterkopf?

Ja. Ich wollte unbedingt einmal mit ihm arbeiten und ein paar Facetten aus ihm herauskitzeln, die er bisher noch nicht zeigen konnte. Darum habe ich ihm die Titelrolle buchstäblich auf den Leib geschrieben.

-Ein sehr fülliger Leib...

Ja, ich weiß. Gérard hat von vornherein zu mir gesagt: „Ich wiege 130 Kilo, basta. Abnehmen kommt für mich nicht in Frage.“ Das war aber für die Rolle auch gar nicht nötig – im Gegenteil: Kommissar Bellamy schleppt einen Haufen Probleme mit sich herum und benimmt sich manchmal wie ein Elefant im Porzellanladen. Da passt es ganz gut, dass er beim Treppensteigen so heftig schnauft wie Gérard.

-Es scheint, als hätten Sie in die Figur des Kommissars auch einige Charakterzüge von Depardieu einfließen lassen.

Stimmt. Mir schwebte eine Art Depardieu-Porträt vor. Allerdings hat mich meine Co-Autorin Odile Barski hereingelegt: Sie hat heimlich auch ein paar Eigenheiten von mir in Bellamys Figur eingebaut. Erst war ich sauer, doch dann habe ich gemerkt, dass das gut funktioniert, und so habe ich es beibehalten. Insofern ist Bellamy sozusagen eine Mischung aus Gérard und mir.

-Welche Ihrer Eigenschaften stecken in Kommissar Bellamy?

Seine Zärtlichkeit zum Beispiel. Die Art, wie er mit seiner Frau umgeht, wie er sie anfasst, wie er sie mit seinen Händen von oben bis unten verwöhnt: Das kommt bei mir auch manchmal vor, wenn ich gut gelaunt bin!

-Sie sind zum dritten Mal verheiratet. Glauben Sie an die Liebe?

O ja. Ehrlich gesagt, liebe ich meine Frau nach fast 30 Jahren Ehe beinahe mehr als am ersten Tag. Heute ist es natürlich mehr eine innige Zuneigung als eine sexuelle Leidenschaft.

-Bellamy liebt allerdings auch andere Frauen. Und Sie?

Ich war nie ein Don Juan, wenn Sie das meinen. Insofern glaube ich nicht, dass meine Frau mir viel verzeihen muss. Hinzu kommt, dass ich eine echte Femme fatale geheiratet habe – was sich fatalerweise erst nach der Hochzeit herausgestellt hat...

(In diesem Moment erscheint Madame Chabrol, um ihrem Gatten den Zimmerschlüssel zu übergeben. Fröhlich begrüßt er sie: „Hallo, mein Engel! Wir sprechen gerade von dir!“ Sie erhebt drohend den Zeigefinger: „Pass auf, was du sagst! Du weißt, was sonst passiert!“ Er kräht zurück: „Ja, ja, mein Engel!“ Sie verschwindet, und er raunt grinsend: „Verstehen Sie jetzt, was ich meine?“)

-Kannten sich Gérard Depardieu und Marie Bunel, die im Film seine langjährige Ehefrau spielt?

Nein, überhaupt nicht. Aber Gérard hat gleich von Anfang an heftig an ihr rumgefummelt, sodass sie mich besorgt fragte: „Sag mal, ist der immer so?“ Ich beruhigte sie: „Keine Angst, das macht er nur zu Beginn, um die Vertrautheit herzustellen, die für Eure Rollen notwendig ist.“ Tatsächlich fasste er ihr am dritten Tag zur Begrüßung nicht mehr an den Hintern, woraufhin sie sich bei mir beschwerte: „Was ist denn mit Gérard los? Der hat mich heute gar nicht richtig begrüßt!“

Das Interview führte Marco Schmidt

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