Irrlichternde Bilder

- Die Show ist verlogen. Man sieht es den Gesichtern von Lanny und Vince an, wenn sie ihr routiniertes Lächeln aufsetzen: Sie sind am Ende. Aber noch einmal muss es auftreten, bevor sich das Komiker-Duo trennt. Der Streifen von Atom Egoyan, dessen doppelbödiger Titel "Where the Truth Lies" - "Wo die Wahrheit lügt", aber auch: "Wo die Wahrheit liegt" - als "Wahre Lügen" wieder mal unzulänglicher als nötig ins Deutsche übersetzt wurde, ist erstmals ein Kostümfilm. Egoyan liebt Stoffe, die auf komplexe Weise um das Feld des Gedächtnis und der Erinnerung kreisen und um das Weiterleben nach einem Verlust.

Es geht um das Geheimnis hinter der Karriere und die Trennung zweier erfolgreicher Standup-Comedians. Ihr entferntes Vorbild sind Dean Martin und Jerry Lewis. Vince und Lanny - hervorragend und schrecklich abgründig gespielt von Kevin Bacon und Colin Firth - entpuppen sich als Zyniker, doch zugleich tiefer verwundet, als zunächst zu ahnen ist. Irgendwann fand man die nackte Leiche einer Frau im Bad ihrer Hotelsuite. Nichts schienen beide mit diesem Fund zu tun zu haben - doch die Wahrheit liegt hinter den Spiegeln: Wie einst Alice durch das Kaninchenloch reist die junge Journalistin Karen ins Wunderland des Showbusiness, entdeckt allerlei merkwürdige Kreaturen und kommt dem Geschehen in jener verhängnisvollen Nacht schließlich auf die Spur.

Egoyan durchbricht dabei jenen im Hollywood-Kino dominierenden puritanischen Konsens von Gewaltlust und Sextabu. "Wahre Lügen" ist einer der besten Filme dieses Kinojahres; eine Detektivgeschichte zwischen Sein und Schein. Dieser Film ist vor allem ein Spiel mit unserem Bild-Gedächtnis. In einer Präzision und einem Glamour, der in den letzten Jahren nur mit David Lynchs "Mullholland Drive" vergleichbar ist, erinnert Egoyan an alte Kino-Atmosphären, lässt Licht, Farben und Bewegungen wiederauferstehen und webt somit ein Tableau aus Erinnerungen. Am Ende scheint es immerhin so etwas wie Erlösung zu geben.

Um Aufklärung im Sinn einer trostspendenden Enthüllung von Wahrheit geht es aber nicht. Egoyan bricht zwar nicht mit den Mustern des Kriminalfilms, doch zeigt er, dass es nicht viel hilft, wenn am Ende der Mörder entlarvt ist. Sein Thema ist die Betrachtung der Schmerzen, die auf die Aufdeckung der Wahrheit folgen können. Egoyans atemberaubend irrlichternde Bilder sind nie kalt und lassen dem Betrachter die Welt um ihn immer ungeheuerlicher erscheinen - die Wahrheit liegt im Auge der Kamera.

(Mathäser, Münchner Freiheit, Atelier, Rio, Museum.)

"Wahre Lügen"

mit Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman

Regie: Atom Egoyan

Hervorragend

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