Istanbuls Brücken

- Jeder, der einmal Istanbul besucht hat, weiß, wie stark diese vibrierende Metropole von Musik durchdrungen ist. Aus jedem Laden, an jeder Ecke klingen türkische Songs vom Band, Folklore, Pop, oft auch klassisch Europäisches. Abends überwiegen härtere Rythmen. In den Clubs, die in den Stadtteilen Beyoglu und Galata fünf oder sechs Stockwerke hoch sind, kann man modernsten Punkrock und Hiphop hören, Klänge, die auch in Berlin und London ein halbes Jahr später die Szene begeistern. Hier findet auch das jährliche "Iksv" statt, ein monatelanger Festivalparcours, zu dem das Internationale Filmfestival genauso gehört wie mehrere Musikfestivals.

<P>So ist es nicht übertrieben, wenn Fatih Akin in seinem neuen Film Istanbul als ein New York Südosteuropas präsentiert, dessen Partyszene die Kultur des Kontinents entscheidend mitprägt. Mit seinem Berlinale-Sieg und dem europäischen Filmpreis für "Gegen die Wand" hat der Deutsche seinen internationalen Durchbruch geschafft. Gerade war er in Cannes Jurymitglied, dort hatte - außer Konkurrenz - auch sein neuer Film "Crossing the Bridge" Premiere.<BR><BR>Es war eine kluge Entscheidung, nach dem riesigen Spielfilmerfolg eine Dokumentation zu drehen und so dem Erfolgsdruck auszuweichen. Mit "Crossing the Bridge" wendet sich Akin wie schon in seiner ersten, fürs Fernsehen entstandenen Dokumentation "Wir haben vergessen zurückzukehren" (2000) auch seinen Wurzeln in der türkischen Kultur zu. Der Film dokumentiert die Musikszene Istanbuls, indem er dem Musiker Alexander Hacke von der Berliner Avantgardeband "Einstürzende Neubauten" - er war für die Musik von "Gegen die Wand" mitverantwortlich - über die Schulter blickt, während er den Sound der Stadt einfängt. Es beginnt mit der "Neo-Psychedelic"-Gruppe "Baba Zula", es folgen kurdische Folkloristen oder Istanbuler Rapper. <BR><BR>Dazwischen interviewt Hacke verschiedenste Musiker. Mosaikartig entsteht eine sehr sehenswerte Liebeserklärung Akins an jene Metropole, in der sich, wie in der Musik, Ost und West, römisches und osmanisches Erbe verbinden. Wie beiläufig entsteht ein Porträt, das mehr über die Türkei erzählt, als manch altbackene Identitätsdebatte im Zusammenhang mit der türkischen Annäherung an die EU. "Crossing the Bridge" - "Brücken schlagen" ist auch eine kulturelle Botschaft. In Istanbul eine alltägliche Lebensform. <BR><BR>(In München: Mathäser, Arri, City i.O., Leopold, Arena.) <BR><BR>"Crossing the Bridge"<BR>mit Alexander Hacke, Selim Sesler <BR>Regie: Fatih Akin<BR>Sehenswert </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
Satire auf selbstgefällige Frömmler - Filmkritik zu „Der die Zeichen liest“
München - Kirill Serebrennikov verfilmte mit „Der die Zeichen liest“ Marius von Mayenburgs Theaterstück „Märtyrer“. Hauptthema: Jugendliche und die Bibel.
Satire auf selbstgefällige Frömmler - Filmkritik zu „Der die Zeichen liest“

Kommentare